Blue Holes, Backroads und Buschbrände - Florida und Bahamas 2026

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Ich glaube, in Nassau kann man keinen Tag mit weniger Schiffen aussuchen, da ist jeden Tag jeder Liegeplatz besetzt. Aber ich habe es auch genau so erlebt, in den angrenzenden Straßen war es schlimm, danach sofort nicht mehr. Weiter als in die Bay Street mit den ganzen Duty Free Shops gehen wirklich nur wenige.
 
Nassau Teil 1
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Während der Ehemann das Hotel und die nähere Umgebung erkundet, wage ich mich schon ein bißchen weiter hinaus. Aber gemessen an der schieren Größe Nassaus ist der Bereich, der für Touristen als komplett gefahrlos zu besuchen beschrieben wird, immer noch ziemlich klein.

Windig ist es in Nassau:



Man hat, wenn man sich an den Angaben der Reiseführer und des Internets orientiert, von unserem Hotel aus eigentlich genau drei Möglichkeiten. Entweder man marschiert nach Westen vorbei am Junkanoo Beach, dem beliebten öffentlichen Strand Nassaus, vorbei zum großen Food-Market, den unser Taxifahrer uns empfohlen hat.

Oder man biegt hier an der Kreuzung nach rechts ab. Den Hügel hinauf gibt es ein paar relativ touristische Straßenzüge mit vermutlich vergleichsweise authentischen bahamesischen Einrichtungen. Rum-Distillerien, Zigarrenfabriken, Herbal Teas. Außerdem die Nationalgalerie der Bahamas und das Junkanoo-Museum, in dem man sich über das Herzstück bahamesischer Kultur informieren kann.



Oder man biegt nach links ab, in Richtung Cruise Port und läuft entlang der nicht ganz so authentischen Souvenirmeile gegenüber vom historischen Straw Market, wo man vom Kühlschrankmagneten bis zum T-Shirt jedes nur erdenkliche Souvenir bekommt.



Egal, für welche Richtung man sich entscheidet, es ist immer nur wenige Blocks weit, die man in die Stadt vordringt, denn es gibt eine Grundregel für Nassau, und daß diese auch tatsächlich ernst genommen wird, werde ich an diesem Tag mehrmals erfahren: Don’t go over the hill!

Wer unsere Reiseberichte bis jetzt verfolgt hat, wird vielleicht annehmen, daß ich dem Viertel mit den Museen und den Rum-Distillerien den Vorzug gebe, aber tatsächlich wähle ich die Route hinunter zum Hafen und in die Souvenirmeile mit ihrem Kitsch und Tand.

Das hat zwei Gründe. Zum einen möchte ich tatsächlich ein bißchen Kitsch kaufen, ein Kühlschrankmagnet ist sowieso ein Muß. Aber wer erinnert sich noch an die T-Shirts mit dem „It’s better in the Bahamas“-Aufdruck, mit denen früher glückliche Bahamas-Touristen nach Hause kamen? So eins will ich unbedingt auch.

Aber wichtiger ist, daß sich hinter der Souvenirmeile in der Bay Street die historische Downtown mit ihrer Kolonialarchitektur des 18. und 19. Jahrhunderts anschließt und man sowieso in diese Richtung muß, um zur Queens Staircase zu kommen.

Mein Versuch, nach links aus dem Hotelgelände auf die Straße zu treten ist aber erstmal überhaupt nicht von Erfolg gekrönt. Vor dem Hotel bewegt sich auf den überall in der Stadt sehr schmalen Fußwegen eine endlose Abfolge von Menschen im Gänsemarsch nach rechts. Man muß kein Hellseher sein, um zu erkennen, daß das Kreuzfahrer sind, die den Tag am Junkanoo Beach verbringen wollen, der vom Hafen aus gesehen hinter dem British Colonial liegt und um daß sie somit einmal herum müssen. Behängt mit Taschen und aufblasbarem Strandzeugs, zumeist ein oder zwei Kinder im Schlepptau, marschieren sie mit vor Vorfreude leuchtenden Gesichtern zügig am Hotel vorbei. Wir behalten dieses Bild mal bis heute Abend im Hinterkopf…

Es dauert tatsächlich über eine Minute, bis sich in der Karawane eine Lücke auftut. Die Zeit nutze ich, um sicherheitshalber das Transponder-Armband mit British Colonial Emblem, mit dem man hier die Türen und Fahrstühle bedient, vom Handgelenk zu friemeln und in der Tasche verschwinden zu lassen. Ich bin zwar nicht übermäßig ängstlich was Nassau betrifft, aber man muß ja auch nix provozieren.

Gleich am Anfang der Bay Street das Museum of Slavery and Emancipation, das ich zwar nicht besuche, das aber eigentlich schon aufgrund seiner Bezeichnung interessant ist. Denn die Geschichte der Abschaffung der Sklaverei auf den Bahamas unterscheidet sich von der anderer Länder und hat – auch wenn das zunächst makaber klingen mag – fast schon eine humoristische Note.



Bis zur Boston Tea Party waren die Bahamas ein verschlafener Haufen staubiger Inseln, auf denen ein paar aus England eingewanderte Pflanzer versuchten, dem Boden etwas abzuringen. Mit Beginn des Unabhängigkeitskrieges änderte sich das und ein wahrer Run britischer Loyalisten aus den amerikanischen Kolonien auf die Bahamas setzte ein.

Nicht nur daß diese, die zum Teil große, ertragreiche Plantagen in den Südstaaten aufgegeben hatten, lernen mußten, daß der Boden der Bahamas bei weitem nicht gut genug ist, um große Pflanzungen gewinnbringend zu betreiben. Auch das mit der Sklavenhaltung klappte überhaupt nicht so wie erwünscht. Schon 1807 kam es in England zum Slave Trade Act und zur Freilassung aller nach diesem Zeitpunkt aus Afrika verbrachten Sklaven. Diese gingen somit nach Ankunft der Schiffe im Zielland nicht mehr in den Besitz eines Ankäufers über, sondern wurden als freie Menschen im Land aufgenommen. Was zu der unangenehmen Situation führte, daß parallel im Land freie schwarze Menschen neben Sklaven lebten. Konflikte und regelmäßige Aufstände blieben somit nicht aus und 30 Jahre später kam es dann in allen britischen Kolonien zur vollständigen Abschaffung der Sklaverei.

Mehrere Jahrzehnte eher als in den inzwischen unabhängigen amerikanischen Kolonien also. Dumm gelaufen für die Pflanzer, die, wären sie in Amerika geblieben, noch dreißig Jahre länger ihren Lebensstil hätten aufrecht erhalten können. Ein wahrer Treppenwitz der Geschichte.

Nachdem ich in drei T-Shirt- und Flipflops-Läden nach T-Shirts mit Aufdruck gefragt habe, muß ich feststellen: Der Slogan „It’s better in the Bahamas“ ist out. Schade, aber nicht zu ändern.

Die Auswahl an Geschäften ist enorm, die Billig-Klamottenläden teilen sich den Straßenzug mit Luxusmarken, in denen sich auch tatsächlich einige Kundschaft tummelt. Schmuck, Parfümerien, Markenboutiquen.

Was ich auch nicht bekomme, ist Steel Drum Musik. Eigentlich sollten hier unter den Arkaden vor den Shops Live-Musiker anzutreffen sein, aber leider nicht heute, vielleicht, weil Sonntag ist. Auch ich höre, genau wie der Ehemann, Steel Drum Musik nur vom Band aus dem Lautsprecher, entweder hier oder auf dem Klo in der Lobby des British Colonial.

Na gut, dann gibt’s als musikalische Untermalung zum Thema Nassau eben ein bißchen Calypso:


Als ich die Shoppingmeile einmal abgelaufen habe, schlage ich mich seitwärts in die Stadt, von jetzt an geht es immer leicht bergauf, Richtung des Höhenzugs, der die Stadt einmal in Go und in Nogo-Area teilt.



Ein paar verfallene Häuser und Ruinen gibt es auch hier,



aber der größte Teil der Häuser ist sehr gut erhalten und gepflegt.



Ab jetzt sind kaum noch Touristen zu Fuß unterwegs, eigentlich nur noch Einheimische, die aus verschiedenen Gründen Schlips und Kragen tragen.





Und für Sicherheit ist gesorgt. Die vorherrschenden Farben in Nassau sind rosa, hellblau und türkis. Selbst hier.



Während ich die Parlamentsgebäude fotografiere, werde ich von einem Ehepaar angesprochen, die gegenüber das Olde Nassau Café betreiben.



Von welchem Schiff kommst du, fragt er mich. Die Frage erscheint berechtigt, denn egal von welchem Punkt aus, die historische Downtown wird von den Schiffen überall überragt.



Von keinem, sage ich, wir wohnen im Hotel und bleiben zwei Nächte, damit wir ein bißchen Nassau anschauen können. Das freut ihn, Nassau sei schön und er findet es schade, daß die meisten gar nicht über die Bay Street hinauskommen. Wo wir danach hinfahren, fragt er, Exumas, Schwimmen mit Schweinen? Auf gar keinen Fall, antworte ich, wir gehen nach Andros, Wandern und Schnorcheln.

Na, jetzt sind sie ja beide völlig aus dem Häuschen. Wobei seine Frau keinen Ton von sich gibt, aber mit Kopfnicken quasi Ausrufezeichen hinter alles setzt, was er zu deklamieren beginnt.

Die größte Insel der Bahamas! Zwanzig mal größer als New Providence, ob ich das gewußt hätte?!! Wußte ich nicht.

Kaum erschlossen, dünn besiedelt und so gut wie kein Tourismus!!! Wußte ich.

Mehr Blue Holes als sonstwo auf der Welt!!! Wußte ich auch.

Landschaftlich wun-der-schön!!! Das werden wir hoffentlich bald wissen.

Sie wünschen mir ganz viel Spaß und daß mir Andros so gut gefällt wie ich erhoffe. Wäre ihr Café schon geöffnet, wäre ich direkt mal auf einen Kaffee geblieben, der Laden sieht gemütlich aus. Aber eigentlich habe ich keine Zeit und noch viel vor.

Neben dem Parliament Square die Bibliothek der Bahamas, rosa wie die Parlamentsgebäude, eine Rotunde mit Kuppel und umlaufender Veranda. Wunderhübsch von außen und sicher auch von innen, aber heute ist ja Sonntag und so komme ich nicht hinein.



Dies ist ein Foto von der Rückseite. Daß es keins von der hübscheren Vorderseite gibt, liegt daran, daß der Blick auf das Haus komplett durch eine Hochzeitsgesellschaft versperrt ist, die sich im Garten vor dem Eingang die Zeit mit Posieren und Fotografieren vertreibt.

Eigentlich, so nehme ich an, ist ihr Ziel die direkt nebenan gelegene Baptistenkirche, ein gewaltiger Bau mit großer Freitreppe, auf der sich gerade die letzte Versammlung aufzulösen beginnt, eine Trauergesellschaft.



Die Damen sind dressed to the nines, klassische Eleganz vorherrschend, egal ob nun in schwarzer oder weißer Kleidung. Etuikleider, doppelreihige Perlenketten; an Kopfbedeckungen ist vom winzigen Fascinator bis zum Hut in Wagenradgröße alles vertreten. Man könnte sie alle nehmen und auf die Haupttribüne von Ascot beamen, sie wären optisch genau am richtigen Platz.

An der Kirche vorbei geht es weiter den Hügel hinauf zur Queens Staircase. Es ist nicht der direkte Weg, sondern mit einmal Abbiegen verbunden, von hier aus aber der kürzere. Würde man die Abzweigung verpassen und weiter geradeauslaufen, käme man dorthin, wo man nicht hin soll, nämlich over the hill. Ich bin noch nicht weit gegangen, als ich erneut angesprochen werde, diesmal von einem Vater mit zwei kleinen Jungs im Schlepptau.

Hey, fragt er, wohin bist du unterwegs? Queens Staircase, sage ich. Das geht da vorn nach links rein, meint er, nicht weiter geradeausgehen, ok?

Oha, denke ich im Stillen, an der Sache mit „over the hill“ ist hier aber definitiv etwas dran, und bedanke mich. Ich wußte zwar, wo ich lang muß, schätze die Fürsorge aber trotzdem.
 
Nassau Teil 2
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Bevor man die berühmte Treppe erreicht, passiert man den Parkplatz, auf dem vermutlich sämtliche Reisebusse der Bahamas gleichzeitig Platz finden würden. Die Queens Staircase ist die meistbesuchte Sehenswürdigkeit und offenbar kommen die wenigsten Leute zu Fuß hier herauf.

Dahinter auf der Anhöhe des Bennet‘s Hill (also dem berüchtigten „Hill“), liegt das Fort Fincastle, gebaut im späten 18. Jahrhundert als Schutz vor Piratenüberfällen.



Das Fort ist schon lange geschlossen und kann nicht von innen besichtigt werden, aber die Kanonen stehen dort und man hat einen tollen Blick hinüber nach Paradise Island.



Wenn man auf der anderen Seite nach Süden hinunterblickt geht es also in jeder Hinsicht sprichwörtlich abwärts. Das sind also die Viertel over the hill. Ich kann so aus meiner Perspektive hier gar nichts Bedrohliches erkennen, weiß aber auch nicht, was ich zu sehen erwartet habe. Weder stehen hier halb verfallene Wellblechhütten, noch sitzen Menschen, denen die Crackpfeife aus dem Mund oder die Nadel im Arm hängt, vor offenen Lagerfeuern. Eigentlich sieht es friedlich und still und ganz ordentlich aus, aber das wird täuschen. Vermutlich ist die ganze Gegend hier Gang-controlled. Es wird schon etwas dran sein an der Warnung des Vaters vor ein paar Minuten.



Von hier oben kann man auch schon in den ehemaligen Steinbruch hineinschauen, aus dem man später die Treppe zu Ehren Königin Victorias herausgeschlagen hat.



Im Steinbruch selbst ist es viel schöner, als ich erwartet habe. Trotz der Menschenmassen.



Am Eingang bieten Guides ihre Dienste an und manche Besucher nehmen das auch in Anspruch. Auch einen selbsternannten Fotografen gibt es, dessen Dienstleistung darin besteht, mit dem eigenen Handy des Touristen Fotos von ihm und seinen Begleitern zu machen. Die Gesichtsausdrücke, mit denen die Besucher auf die ausgestreckte Hand, mit der er zur Herausgabe der Smartphones auffordert, reagieren, sind der Brüller. Natürlich bekommt er kein einziges Handy, und wenn er weitergeht, hört man die Leute leise murmeln, ob er sich wohl ernsthaft einbilde, man wolle ihn dann damit rennen sehen?



Ich bleibe eine Weile hier, setze mich neben den Wasserfall und genieße die Verdunstungskälte. Es ist wie in einem Gewächshaus, nur ohne Glasdach. Die mit Moosen und Farnen bewachsenen Wände des Steinbruchs geben einen Geruch ab, den man einfach nur als „grün“ bezeichnen kann. Manche würden es vielleicht auch muffig nennen.



Nachdem ich mich ein bißchen ausgeruht habe, nehme ich die Treppe in Angriff. Mit mir unterwegs ist eine Gruppe US-Amerikanerinnen, die oben angekommen genauso fertig sind wie ich.



Die Treppe ist viel steiler als sie aussieht und wir stehen oben und ringen gemeinsam nach Atem und amüsieren uns über unsere fehlende Fitness.
Bevor ich da wieder runtersteige muß ich unbedingt etwas trinken. Verkaufsstände gibt es genug, überall sitzen einheimische Frauen und verkaufen bahamesische Limonade. Ich kaufe eine Flasche und während ich die trinke, spaziere ich ein bißchen zwischen dem Wasserturm und der Treppe hin und her.



Aus dem belebten Bereich entferne ich mich gar nicht, und trotzdem spricht mich wieder jemand an. Eine Frau kommt die Straße, die um den Wasserturm herumführt, hoch und fragt, wohin ich ginge. Nirgends, sage ich, ich gehe gleich die Treppe wieder runter. Ok, sagt sie, geh aber nicht weiter in diese Richtung.

Alter Schwede. Don’t go over the hill ist definitiv nicht nur eine Floskel.





Wieder die Treppe runter, immer schön eine Hand am Geländer, dann wieder zurück downtown, diesmal auf direktem Wege ohne Abbiegen. An der Straße, die von hier hinunter zum Hafen führt, liegen weitere administrative Gebäude, die Gegend hier ist definitiv gut bewacht, vor jedem Haus Security.

Einer der Wachleute ist dann der nächste, der mich anspricht. Ob ich spazierengehe in Nassau, fragt er mich, und ob mir die Treppe gefallen habe. Von welchem Schiff kommst du? Fragt er. Von keinem, antworte ich, wir wohnen im Hotel und morgen fliegen wir weiter nach Andros. Aaah, Andros, tönt es, zwanzig mal größer als New Providence, wußtest du das? Ja, sage ich, wußte ich. Stimmt ja inzwischen auch.

Kaum besiedelt und fast keine Touristen. Wußtest du das? Ja, wußte ich.

Wunderschön da, die schönste Insel der Bahamas. Ich glaube auch, sage ich.

Er wünscht mir dann eine tolle Zeit und gute Reise. Trotzdem hat sich das Gespräch gerade angefühlt wie der berühmte Glitch in der Matrix.

Inzwischen ist es früher Nachmittag geworden und die Straßen sind leer. Das bedeuteten freien Blick auf die Häuser rings um die historische Downtown, von denen ich dank eines Buches recht konkrete Vorstellungen habe.

Die wunderschönen Bildbände des schon vor über einem Vierteljahrhundert verstorbenen Graham Byfield heute nur noch antiquarisch zu bekommen und waren eine Zeitlang so begehrt, daß es eine ganze Reihe von Videos gibt, in denen jemand das Buch einfach nur durchblättert. Auch von der Bahamas-Ausgabe gibt es so eins:


Das Buch besitze ich schon lange, aber jetzt vor der Reise war es mit seinen vielen Informationen und historischen Zusammenhängen manchmal eine bessere Vorbereitung als mancher moderne Reiseführer.

Vor allem eine der kleineren Abbildungen, das Haus mit den ungewöhnlichen Formen, gefiel mir besonders, und auch zu diesem gibt es im Buch eine Adreßangabe, die sich glücklicherweise diesseits des Hügels befindet. Das Carey House, ein kleines blaues Holzhaus, das von der Form her an das erinnert, was sie in den USA Dutch Colonial nennen:



Ob es wohl noch steht? Die Straße, in der das Haus zumindest in den 80er Jahren gestanden hat, als das Buch entstand, verläuft parallel zur Bay Street. Hier ist es aber vollkommen ruhig, keine Souvenirshops, dafür schöne alte Holzvillen, für die allein es sich schon gelohnt hat, hier mal langzugehen.





Aber ich muß gar nicht weit laufen, da erkenne ich das Carey House schon von weitem.



Im Vergleich zur Abbildung im Buch allerdings schon arg verändert. Als Graham Byfield es gemalt hat, war es bereits 100 Jahre alt, allerdings noch bewohnt und gepflegt, jetzt ist es vermutlich schon lange verlassen. Eine Monstera hat die halbe Haushälfte erobert und überwuchert. Vor den Fensterläden große Vorhängeschlösser, die verhindern, daß es vollständig zum Lost Place wird. Ich wäre aber auch ohne nicht hineingegangen.



Ich finde es immer noch schön, der morbide Charme des Verfalls. Die Empfindungen, die ich beim Betrachten habe, sind ähnlich wie in Stiltsville, etwas melancholisch. Über 120 Jahre hat es hier schon gestanden, jetzt ist das Ende abzusehen.

Ein alter Mann auf einem Fahrrad kommt vorbei und hält sofort an, als er mich das haus betrachten sieht. Er bestätigt mir, daß das Haus schon seit Jahren verlassen sei. Da käme auch niemand mehr. Daß es abgerissen würde, glaubt er nicht, es wird wohl einfach irgendwann in sich zusammenfallen.

Trotzdem schön, hier zu sein und das Haus, dessen Bild ich im Buch so oft angeschaut habe, jetzt wirklich zu sehen. Irgendwie seltsam auch und beim Weggehen muß ich mich noch dreimal umdrehen. Wer weiß, ob ich jemals wieder hierher komme.



Viele andere Häuser in Nassau sind gut gepflegt und erhalten. Wenn man in die Seitenstraßen hineingeht, sind die Fotomotive quasi unendlich.



Besonders freue ich mich, daß ich irgendwann an einem Laden vorbeikomme, der Junkanoo-Kostüme verkauft. Die sind vermutlich nicht so prächtig wie das, was man im entprechenden Museum zu sehen bekommen hätte, aber dafür ist das hier ein echter Laden, in dem sich die Locals vermutlich für die nächste Parade am Boxing Day einkleiden.



So arbeite ich mich langsam wieder zur Bay Street zurück und dann hinein in den Straw Market. Heute am Sonntag sind viele Stände unbesetzt und mit Plastikplanen abgehängt, was der ganzen Angelegenheit etwas Ungemütliches gibt.



Draußen vor dem Gebäude gefällt es mir besser und hier finde ich dann auch zwei Kühlschrankmagneten. Einen mit Bahamas-Schriftzug und einen älteren mit dem Coats of Arms, der schon ein bißchen angerostet ist, was aber gut paßt. Dafür möchte er so einen Phantasiepreis, daß ich spontan lachen muß, woraufhin der Preis sofort um zwei Drittel fällt.

Von welchem Schiff ich käme, fragt er. Von keinem, sage ich, wir sind hier im Hotel und lasse weg, daß wir morgen nach Andros fliegen. Wenn ich das selbe Gespräch nochmal hätte führen müssen, hätte ich wohl gefragt, ob ich jetzt bitte die rote Pille haben kann.

Die letzten Meter zurück zum Hotel ziehen sich, denn ich habe Gegenverkehr. Wir erinnern uns, wie der Tag begann? Die fröhliche Kreuzfahrerkarawane auf dem Weg zum Junkanoo-Beach? Genau. Das war heute Morgen.

Jetzt ist Schichtwechsel, einige der Pötte haben bereits getrötet, wie im Theater, wenn zum Ende der Pause geklingelt wird. Und alle, alle kommen sie mir jetzt entgegen, nur der Anblick hat sich ein wenig verändert. Puterrot im Gesicht, die Kinder schlafend in den Armen der Mütter, der Vater behängt mit Poolnudeln, aufgeblasenen Einhörnern und Beuteln voller Förmchen, schleppen sie sich voran. Der Weg vom Junkanoo Beach bis zu ihrem Schiff muß ihnen endlos vorkommen.

Es sieht fast so aus, als wolle der gute alte Woodes Rogers auf seinem Sockel vorm Hotel ihnen einen aufmunternden Klaps verpassen. Hurtig, hurtig, das Schiff wartet nicht!



Wir lassen unseren letzten Abend im Hotel ausklingen. Mit Blick auf den sich immer wieder leerenden und neu füllenden Cruise Port. Der Ehemann nutzt das letzte Mal die Möglichkeit zum Fernsehen, das werden wir jetzt eine Woche lang nicht mehr haben, und kommentiert entsetzt die Beiträge über die Unfälle, die sich kurz nach unserem Besuch in der Biscayne Bay ereignet haben.

Ich muß wenigstens einmal die tolle Badewanne in ihrem Alkoven ausprobieren und lasse den Tag Revue passieren. Am allermeisten freue ich mich, daß ich das kleine blaue Haus gefunden habe. Und die Leute. Wie auch immer die Leute jenseits des Hügels drauf sein mögen, diesseits habe ich so viel freundliches Interesse erlebt wie wohl noch nirgends auf der Welt.



Vielleicht kommen wir ja irgendwann doch nochmal nach Nassau, es gibt noch einiges, das man an einem Tag nicht schafft. Aber vermutlich würde ich sowieso bloß wieder in die Dowdeswell Street laufen und nachschauen, ob das Carey House noch steht.

Nur daß ich hier, auf der in dem Calypso vorhin besungenen „Island of Tune“ keinen einzigen Ton Steel Pan Music gehört habe, darüber bin ich ein bißchen enttäuscht, aber davon abgesehen ist Nassau durchaus der tropical charmer. Ich mag die Stadt, zumindest den kleinen Ausschnitt, den ich davon kennengelernt habe.

Die Erwartungen an unser nächstes Ziel sind hoch und sind durch die Reaktionen der Nassauer nicht geringer geworden. Die mich allerdings nicht im Geringsten überrascht haben.

Vor Jahren gab es einmal eine Umfrage des Ministry of Tourism der Bahamas, welches wohl die meistunterschätzte Insel der Bahamas sei, und auf Platz eins in der Einschätzung der Bahamesen landete: Andros.



Wie sehr die Einheimischen die Insel schätzen ist dem Bekanntheitsgrad unter Touristen diametral entgegengesetzt. Andros, das Bonefishing-Capital of the World, eingerahmt vom drittgrößten Korallenriff der Welt und der Tongue of the Ocean, dem tiefen Graben, der Andros von New Providence trennt. Andros ist nicht nur über zwanzig mal größer als New Providence, genau genommen ist Andros allein so groß wie alle anderen Inseln der Bahamas zusammen genommen. Es ist eine gewaltige Landmasse, die man eigentlich gar nicht übersehen kann, und dennoch tun es die meisten, die die Bahamas besuchen.

Und die Androsians möchten, daß das auch genau so bleibt. Große Hotels sucht man hier vergeblich. Öko soll der Tourismus sein, nachhaltig, Gewinne, die nicht an ausländische Ketten gehen, sondern über privat betriebene Pensionen und Lodges direkt in die Hände der Locals. Wer nach Andros kommt, ist Angler, Taucher oder Birder, will in den Blue Holes schwimmen oder von lokalen Guides über Bush Medicine und bahamesische Kultur lernen. Alle anderen dürfen gern weiterhin achtlos darüber bis ins siebenundzwanzig mal kleinere New Providence hinwegfliegen.

Andros sieht sich selbst als schlafenden Giganten, der gar nicht geweckt werden möchte. A sleeping Giant. Das klingt genau nach unserer Insel!

 
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Cawu

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Mensch Suse und Ehemann,
ein ganz großes und dickes Lob für diesen großartigen Reisebericht! Und dann auch noch von zwei Seiten betrachtet. Wieder großes Kino, klasse Bilder und super interessant geschrieben. Mega!

Danke!!! 💗
 
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Suse65

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Ich auch. Meine Frau und ich sind vom 02.11.2026 - 05.11.2026 in Nassau, und genau in diesem Hotel.
Wir haben auch ein Zimmer mit Meerblick gebucht.
Kommen auch mit AA aus Miami an.
So, jetzt schreib mal schnell weiter. Wir brauchen jetzt viele Infos und Tipps von dir:).
Dann hoffe ich, daß die Beschreibungen ein bisschen nützen. Ihr habt ja mehr Zeit als wir, ich hätte gerne noch das eine oder andere Museum angeschaut.
 
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Mensch Suse und Ehemann,
ein ganz großes und dickes Lob für diesen großartigen Reisebericht! Und dann auch noch von zwei Seiten betrachtet. Wieder großes Kino, klasse Bilder und super interessant geschrieben. Mega!

Danke!!! 💗
Vielen Dank 👋
 

Ehemann

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Ein neuer Tag, ein neues Abenteuer!

Und daß es überhaupt eins werden wird, können wir noch gar nicht wissen, als wir aus dem British Colonial auschecken und uns im Taxi auf der falschen Seite der Straße zum Flughafen fahren lassen. Das ist hier so üblich und nennt sich "Linksverkehr"... Ich nenne es" falsch verstandene Loyalität mit dem ehemaligen Kolonialherren". Die fahren nicht nur auf der falschen Seite, auch das Lenkrad ist auf der falschen Seite! Nun gut, solange ich hier nicht selber fahren muß... ;):ROFLMAO:

Das Wetter ist gut, es gibt ein paar kurze Regenschauer, aber die Fahrt ist durchaus angenehm, verläuft ohne Zwischenfälle und das Domestic Terminal von Nassau empfängt uns mit stimmungsvollem Wandschmuck.





Inländische Inseltransfers mit wenig vertrauenerweckenden Rappelkisten sind für uns nichts Ungewohntes. Was wir allerdings hier auf dem Flug von Nassau nach Andros erleben, ist rekordverdächtig. Äußerlich noch gut in Schuß, entpuppt sich der Flieger im Inneren als Seelenverkäufer wie aus dem Bilderbuch. Was dabei als erstes auffällt, sind Sitzplätze ohne Gurte.







Bei genauerem Hinsehen findet man aber noch etwas viel Spannenderes. Das, was da aussieht wie ein Haufen Erbrochenes, ist die Rettungsweste.





Immerhin ist die Kiste damit vollständig augestattet und was da zwischen meinen Füßen am Boden liegt, ist das Erbrochene, das zu meinem Sitzplatz gehört.





Hochmodern ist auch die Feuerlöschanlage! Die muß im Notfall von den Passagieren selbst bedient werden.





Und hier haben wir die Safety Instruction Card. Eine Alkoholkopie aus den 70ern...





Der "Pilot" wirkt, als sei er noch im Teenageralter. Freigabe-Dokumente und Routenpläne scheinen ihn nicht zu interessieren. Er chattet kurz vor dem Start lieber mit seinen Kumpels.





Zu unserer Erleichterung dauert der Weg zum Schafott nur ca. 10 Minuten und schon befinden wir uns im Anflug auf Andros. Dabei überqueren wir zufällig die Small Hope Bay mit unserer Lodge. Wenn das kein gutes Omen ist...





Nach geglückter Landung steigen wir erleichtert aus und erfreuen uns am Terminal vom Andros Town International Airport. Flughafengebäude auf Inseln in tropischen Regionen erinnern überall auf der Welt so wie dieses hier eher an Tankstellen-Kassenhäuschen als an seriöse Facilities. In der Südsee waren sie bis vor kurzem teilweise noch aus Holz und Stroh...





Sofort sind emsige Taxifahrerinnen zur Stelle, die die wenigen angekommenen Fluggäste unter sich aufteilen. Der Transfer zur Lodge dauert ebenfalls nur wenige Minuten und die Fahrt führt dabei durch eine vollkommen ausgestorbene, tourismusfreie Landschaft. Ausgedehntes, trockenes Ödland wechselt sich ab mit üppigem Grün. Hier und da ein paar Hütten oder Häuser, die Sonne brennt und wir sind sehr gespannt, als wir schließlich den Abzweig zur Small Hope Bay Lodge nehmen, der uns durch ein morastiges Mangrovengebiet bis zur Anlage führt.

Wir sind da!
 

Pemimae

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Ui, ich habe zwar auch schon einige Flüge mit kleinen lokalen Airlines hinter mir, aber ich glaube, diese Maschine hätte ich laut schreiend verlassen und auf den Aufenthalt auf Andros verzichtet oder eine Bootspassage gebucht.
Ich genieße euren Reisebericht nach wie vor und freue mich immer, wenn ich hier einen neuen Beitrag entdecke.
 
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Suse65

Suse65

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Schon beim Überfliegen der Insel hat man gesehen, was sich während der Taxifahrt bestätigt: Wie dünn besiedelt Andros ist. Die Westküste ist fast menschenleer, außer ein paar überwucherten Landebahnen, auf denen die Kokainschmuggler früher auf dem Weg aus Kolumbien in die USA zwischengelandet sind, gibt es hier nur wenig Zeichen von Zivilisation, zumeist kleine Siedlungen von Indigenen, Black Seminoles oder Lucayan.

Das Inselinnere besteht aus Pinienwäldern und ist durchzogen von Brackwasserläufen und Blue Holes.

Die Besiedelung konzentriert sich an der Ostküste, und hier finden sich zum Teil endlos lange, einsame Buchten. Und an einer von ihnen liegt unser Ziel: Die Small Hope Bay.



Vom Queen's Highway, der die Insel einmal von Nord nach Süd durchquert, biegt man auf ein kurzes Stück staubige Buckelpiste ab.



und dann steht man direkt an der Bucht und blickt auf die karibische See



in der Ferne erkennt man die Brandung, die an das Riff schlägt, und davor ein paar verstreute Inselchen, die sie hier Cays nennen



Jedem Pfosten seine Conch



wir sind sowas von in der Karibik!





Außer uns ist noch ein weiteres Paar angekommen, die mit uns in der selben Maschine waren. Anastasia nimmt uns in Empfang und ruft den Taxifahrern die Nummern unserer Bungalows zu, damit die Koffer direkt zum Haus gefahren werden können. Wir Gäste werden sofort einkassiert und zur Bar geleitet.



Sowas wie eine Lobby gibt es hier nicht, auch keine Rezeption. Der Raum, in dem wir uns befinden, ist voller Sitzgelegenheiten mit farbenfrohen Kissen, Bildern, Schnitzereien und Gesellschaftsspielen, und erinnert eher an ein privates Wohnhaus. Als Begrüßungscocktail wähle ich, in Erinnerung an Nassau, eine Bahama Mama, und der Barkeeper geizt nicht nicht mit Rum.



Die Einführung ist kurz. Wir erfahren die Essenszeiten und etwas über das eine halbe Stunde vor dem Abendessen beginnende Socializing, das zwar nicht verpflichtend ist, die Teilnahme aber sinnvoll, da dann die Mitarbeiter herumgehen, die Wünsche der Gäste nach Aktivitäten am Folgetag entgegennehmen und dementsprechend die Ausflüge und Tauchgänge planen.

Ansonsten, sagt Anastasia, gebe es nur eine Regel: Man solle sich wie zuhause fühlen. Da die Small Hope Bay Lodge ein All-in-Resort ist, das diese Bezeichnung wörtlich nimmt, ist abgesehen von den persönlichen Ausflügen und Tauchgängen hier alles inklusive. Sollte mal kein Mitarbeiter im Haupthaus anzutreffen sein, werden wir ausdrücklich aufgefordert, uns hinter der Bar selbst zu bedienen. Das Rezeptbuch für Cocktails liegt auf dem Tresen.

Danach werden wir zu unseren Bungalows gebracht, wir haben gleich den ersten,



an den sich in einem weiten Halbkreis weitere Hütten anschließen.





Das Haus ist hübsch eingerichtet, sehr tropisch mit seinem vielen Weiß und Türkis.



Wir haben unsere eigene Hängematte



und auch einen eigenen Seagrape-Baum, von denen es hier neben den Palmen unzählige gibt



Eine große Fensterfront blickt auf die Bucht hinaus, in der es derzeit leider ähnlich windig ist, wie zuletzt in Nassau, aber das stört uns im Moment nicht, wir sitzen glücklich in unseren Sesseln.



Ob das selige Grinsen jetzt von den Cocktails kommt, oder weil wir uns spontan hier so wohlfühlen, weiß man nicht so genau, aber in jedem Fall ist es herrlich.

Nachdem der Ehemann schon das schöne Miami River Inn ausgesucht hat, geht die Wahl der Small Hope Bay Lodge auf mein Konto, und ich glaube, auch das war ein Volltreffer. Nicht nur, daß hier eine so familiäre Atmosphäre herrscht, die einen sofort für sich einnimmt, hier ist auch irgendetwas anders, als in anderen Hotels. Später komme ich darauf: Es gibt schlicht und einfach keine Verbote, sondern nur Möglichkeiten.





Weder während der Begrüßung noch später gab es jemals einen Hinweis darauf, daß irgendetwas nicht erlaubt sei.

Man darf überall hin,





sich ein Fahrrad nehmen



oder in einer der vielen Sitzgelegenheiten, die man hinter jeder Ecke findet, Platz nehmen



auch der Souvenir-Shop läuft auf Vertrauensbasis. Man lässt sich den Schlüssel geben, nimmt sich, was man möchte, und läßt es auf die Rechnung setzen.



Wenn einen die Lodge wissen lassen möchte, daß man irgendwo nicht ganz so gerne beim Herumstrolchen gesehen wird, dann erfolgt das einfach durch Verweis auf die Risiken, ganz ohne ein „Zutritt verboten“.



Und wenn doch mal was sein sollte: Feueralarm bei Tauchern



Anything goes, und das wird sich in den nächsten Tagen eigentlich immer wieder bestätigen.
 
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Um halb sieben sind wir ausgeruht und erscheinen pünktlich zum Socializing, eher ein lockeres Beisammensein bei Nachos, Conch Fritters und, naja, weiteren Cocktails natürlich.

Wir suchen uns einen Platz in dem fast rundum verglasten Anbau aus, der von Stund an mein Lieblingsort in der Lodge werden wird. Maximalistisch dekoriert mit vielen Bildern und Büchern, umrahmt von den großen Fenstern mit Blick auf die Small Hope Bay.



Wir kommen mit ein paar anderen Gästen ins Gespräch und es stellt sich bald heraus, daß wir derzeit die einzigen sind, die nicht aus den USA kommen. Rückblickend kann man sagen, daß die Überzahl von der Ostküste stammte, gut situierte Bildungsbürger, die sich bei uns regelmäßig für das orange Präsidentenmodell entschuldigten. Während der Westküstenamerikaner im Ausland ja meist eher südlich der Baja California urlaubt, sind die Bahamas für die Ostküstenbewohner vermutlich so etwas ähnliches wie für uns die Balearen.

Die Lodge bietet verschiedene Aktivitäten, aber der Schwerpunkt liegt auf der Tauchbasis. Seit 1960 ist sie eines der ältesten Tauchresorts auf den Bahamas überhaupt und auf Andros sowieso. Die Legende besagt, daß der Gründer Dick Birch, ein kanadischer Taucher, 1959 in der Small Hope Bay auf eine Palme geklettert sein und die Schönheit dieser Bucht und ihre Nähe zur Tongue of the Ocean entdeckt haben soll.

Manche der vielen Stammgäste drücken ihre Verbundenheit aus, indem sie zur Innenausstattung beisteuern,



manche auch musikalisch. Und besser als mit diesem Vortrag läßt sich die Geschichte der Lodge wohl nicht erzählen:


Wie das Lied schon andeutet, hat sich über die Jahre natürlich ein gewisses Wir-Gefühl mit festen Traditionen entwickelt, in die man sehr schnell selbst eingebunden wird.

Eine Gruppe international bunt gemischter Tauchlehrer, die, wie zumeist in solchen Resorts, eher Mädchen für alles sind, arbeitet hier, die sich während der Aperitifgeselligkeit unter die Gäste mischen und die Wünsche für den kommenden Tag entgegennehmen.

Und alle tragen sie bunt gemusterte Batikkleidung, manche als Röcke, andere als Hemden, die Tischdecken sind Batik und die Bettdecken auch, ebenso die Kissen im Glass Room. Das ist kein Zufall, denn all diese Stoffe stammen aus der Androsia Batik Fabrik und die gehört, wenn man so will, zur Lodge.


Rosi Birch, die Ehefrau des Lodge-Gründers Dick, also der, der 1959 auf die Palme geklettert ist, gründete die Batikfabrik ursprünglich als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Frauen von North Andros. Heute hat sich das Design weit über Andros und auch die Bahamas hinaus etabliert und war für mich vor allem der Grund, in Nassau keine Souvenirs in Form von Literflaschen Rum zu erwerben. Ich brauche Platz im Koffer, meine erste Tat auf Andros wird ein Besuch bei der Androsia Factory sein, selbst Stoffe batiken und ein großangelegter Shoppingtrip, nicht nur für mich, ich habe auch Bestellungen von zuhause.

Wir besprechen weitere Exkursionen, Wanderungen in den Blue Hole Nationalpark, Schnorcheltrips und der gleichen. Aber wie uns Nassau verabschiedet hat, so hat Andros uns empfangen: Es ist sehr windig und man muß abwarten, wie sich das Wetter entwickelt.



So geht die Happy Hour, die ja hier genau genommen 24 Stunden dauert, schnell rum und es gibt Abendessen. Die Köchinnen erscheinen, natürlich von Kopf bis Fuß in Androsia gewandet, und verkünden, was das Buffet heute enthält. Und zur Freude des Misters gibt es Oktopus.



Am Tisch treffen wir mit dem Paar zusammen, das morgens schon mit uns im Flugzeug war, und wir haben Gesprächsstoff über den Zustand der Sicherheitswesten und überhaupt. Politik ist überhaupt kein Thema, eigentlich lachen wir die ganze Zeit.

Es wird noch Abende geben, an denen die Gespräche etwas komplexer und damit auch anstrengender werden, die Vergleiche zwischen den deutschen und amerikanischen Sozialsystemen zum Beispiel. Und alle, alle haben sie irgendwelche Bezüge zu Deutschland oder waren sogar schon dort. Und haben die Autobahnen ausprobiert. An Themen mangelt es uns eigentlich nie und irgendwann wächst man zu einer lockeren Gemeinschaft zusammen. Wir haben schon öfter in solchen Unterkünften gewohnt, gerade in Frankreich bzw. frankophilen Ländern ist das Prinzip des Table d’hôte häufig, bei dem alle Gäste gemeinsam mit den Gastgebern und nicht an Zweier- oder Familientischen getrennt essen, und wir haben damit positive Erfahrungen gemacht. Aber die Small Hope Bay Lodge hat noch einen familiäreren Charakter, als wir das bisher erlebt haben.

Ein verbindendes Element ist das nach jedem Abendessen stattfindende Ritual, mit dem alle am Folgetag abreisenden Gäste mit einer Urkunde und einem sicher schon seit den 60er Jahren etablierten Schlachtruf über die Art und Weise, wie sie ihren Aufenthalt in der Lodge gestaltet haben, verabschiedet werden: Nämlich mit extreme Caution and Bravado!
 

Norbert

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Wie immer von euch - ein wirklich schöner und sehr informativer Reisebericht (y)
 
Androsia
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Schon das Schnorcheln unter dem Pier, auf dem sich die Tauchbasis befindet, soll eigentlich grandios sein, aber es zeichnet sich schon ab, daß der Wind das für die nächsten Tage wohl verhindern wird. Tatsächlich ist der Seegang am nächsten Morgen schon in Ufernähe so heftig, daß Schnorcheln unter dem Pier eher nicht angezeigt ist, und auch die Tauchgänge sind abgesagt.



Wir haben aber nichts dagegen, den Vormittag im Glass Room zu verbringen.



Der ist üppig mit in Androsia-Batik-Schutzhüllen verpackten Büchern bestückt. Wem wäre aufgefallen, daß sie in den Farben der Nationalflagge sortiert sind?



Darunter natürlich viele Fachbücher über das Tauchen. Zur Begeisterung des Ehemann entdeckt er darunter eines, das er vor vielen Jahren zu seinen Höhlentaucherzeiten in Florida versäumt hat zu kaufen, und das heute nur noch antiquarisch zu horrenden Preisen zu bekommen ist:


Bei den gelben das dritte von oben. Das sind also echte Wertgegenstände, die hier im Glass Room herumliegen.

Wir lesen, schreiben und unterhalten uns mit anderen Gästen, und schon gibt es Mittagessen. Eigentlich hat man noch gar keinen richtigen Hunger nach dem üppigen bahamesischen Frühstück, aber es ist alles so lecker.

Außer mir möchten noch andere Gäste zu Androsia, so daß wir uns ein Taxi teilen können. Die Fahrt über den Queen's Highway dauert nur eine Viertelstunde, dann sind wir schon da und bekommen eine Führung durch die verschiedenen Stationen der Herstellung eines Batikstoffes.

Die verschiedenen Stoffqualitäten



Die Auswahl an Stempeln ist quasi unendlich, auf Wunsch schnitzen sie einem auch eine Sonderanfertigung. Sieht jemand auch den Jägermeister-Hirsch?



Gebatikt habe ich zuletzt in der Schule und es bedarf etwas Übung, bis man die wachsgetränkten Stempel mit ausreichend Fingerspitzengefühl auf den Stoff stempelt, so daß das Motiv auch schön erkennbar ist.



Als wir den Dreh heraushaben, können wir uns selbst ein Souvenir gestalten, T-Shirts, Bandanas oder eine Tasche. Ich wähle die Tasche und als Stempelmotive Schildkröten und Conchs. Es wird so einigermaßen ok, manche Stempel gelingen mir besser, andere weniger, aber egal. Die Sachen werden später für uns eingefärbt und in die Lodge gebracht, wenn sie fertig sind.

Der Färberaum. Die schönen tropischen Farben und Motive. Pink und Rot sind nicht so meine Farben, aber die vielen Blau- und Türkistöne, herrlich.



Während die anderen die Boutique unsicher machen, kaufe ich Stoff am laufenden Meter im Dying Room. Dunkelblau für mich, türkis für meine Mutter, daraus werden später Kissenbezüge. Yard in Meter umzurechnen ist eigentlich nicht nötig, das ist ja fast identisch, aber der feste Twill-Stoff ist doch relativ schwer. Gut, daß ich in Nassau keinen Rum gekauft habe!



Es hat Spaß gemacht und alle sind stolz, jetzt ein echtes Stück Andros zu besitzen, zum Teil sogar selbstgemacht!



Der Wind hat über den Tag etwas nachgelassen und morgen werden wieder Tauchgänge stattfinden, berichtet mir der Ehemann, als ich in die Lodge zurückkomme. Auf dem Weg zum Tauchrevier liegt eine kleine einsame Insel mit einem windgeschützten Strand und guten Schnorchelmöglichkeiten. Ob wir uns das vorstellen könnten, uns dort absetzen zu lassen für den halben Tag? Na, da fragen sie ja genau die Richtigen!
 

Ehemann

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Mit dieser Möglichkeit haben wir nun so gar nicht gerechnet.

Sie bringen uns auf eine einsame Insel! Nur uns beide? Ganz allein? Sie können ja nicht wissen, daß das genau unser Ding ist. Und dann ist das Ganze für uns auch noch kostenlos, weil wir das Tauchboot, das heute sowieso rausfährt, mitbenutzen können. Super!

Die Vorfreude ist groß, als wir mit leichtem Gepäck zur Tauchbasis am Ende des Docks rauslaufen, wo eine schattige und zum Glück windstille Bank auf uns wartet. Hier lassen wir uns nieder, während das Boot beladen und für den Ausflug vorbereitet wird. Nach amerikanischem Vorbild müssen wir dann diverse, bürokratisch total ausufernde Verzichtserklärungen und Haftungsausschlüsse unterschreiben. Nein, wir werden niemanden verantwortlich machen, wenn wir uns auf der Insel verlaufen und verdursten, beim Baden aufgefressen oder in der prallen Sonne verbrennen werden. Und man könnte ja auch auf dem Hinweg schon vom Boot fallen und überhaupt...

Zum Glück ist das nach ein paar Minuten erledigt und wir dürfen an Bord. Wir haben dort jede Menge Platz, es ist nur eine Handvoll Taucher dabei, darunter ein amerikanischer Vater mit seiner 14jährigen Tochter. Sie mache heute ihren letzten Tauchgang für die Open Water Certification, sagt er stolz. Die Kleine strahlt mich an und sagt, beim letzten Mal habe sie einen Ammenhai gesehen! Ich sage, der sei dann ja wohl größer gewesen als sie selbst, oder? Ja schon, meint sie, der habe aber friedlich auf dem Grund geschlafen...











Nach kurzer Fahrt landen wir auf Goat Cay an. Die "Ziegeninsel" ist ein wenige Hundert Meter langer Zwillingsfelsen mit niedrigem, trockenem Bewuchs und messerscharf geschliffenen fossilen Korallenformationen. In der Mitte befindet sich der kleine Strand, auf dessen Rückseite die Wellen hart an's schroffe Ufer schlagen. Wir bekommen Strandliegen und Sonnenschirme, dazu kalte Getränke und Früchte. Und schon fährt das Boot davon und wir sind mal wieder fast allein auf dieser Welt. Wir lieben das!







Goat Cay ist Teil des Marine Parks von Andros und weil unsere Lodge die ökologischen Verhältnisse und den damit verbundenen Naturschutz sehr ernst nimmt, laufen alle Unternehmungen hier entsprechend koordiniert und verantwortungsvoll ab. Unter anderem betreut man ein Projekt zur Wiederansiedelung von Korallen. Wir machen es uns am Strand gemütlich und während Susanne erwartungsfroh schnorchelnd leider keine der hier zahlreich vorkommenden Seeschildkröten findet, laufe ich mit der Kamera durch's Gelände und finde einige nette Motive. Das Boot ist inzwischen um die kleine Insel herumgefahren und ankert in Sichtweite vor der tosenden Brandung. Hier macht das Mädel wohl gerade seine Prüfung? Ich wünsch ihr viel Erfolg!











Das alles ist fast zu schön um wahr zu sein, und ja, ein gravierendes Problem bekommen wir tatsächlich noch. Nach einiger Zeit werden Bremsen auf uns aufmerksam, deren Aggression rekordverdächtig sein dürfte. Sowas haben wir noch nicht erlebt. Nachdem jeder von uns ein halbes Dutzend brutal blutender Bisse mit begleitenden Schwellungen an den Füßen und Waden kassiert hat, verfolgen mich die kleinen Monster sogar bis in's knietiefe Salzwasser vor dem Strand, um den herausragenden Rest meiner Beine zu attackieren. Suse schlägt im Liegestuhl unterdessen wild um sich und nachdem wir schließlich einen Großteil der Viecher erlegt haben, ist für eine Weile Ruhe. Uff.

Nach wenigen Stunden kommt das Boot zurück und sammelt uns und unsere Ausrüstung wieder ein. Die Taucher hatten Spaß und eine Taucherin auch ganz besonders! ;) Wir alle treten nun den Heimweg an und trotz des Insekten-Intermezzos war es für uns ein toller Tag, den wir nicht missen wollen. Good Bye, Goat Cay!


 
Maidenhair Coppice
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Suse65

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Nach dem sonnigen und relativ windstillen Tag auf Goat Cay scheint sich das Wetter nun auch auf der Hauptinsel zu beruhigen, und in den nächsten Tagen können wir alle unsere geplanten Ausflüge realisieren.



Der Wind ist bei Wanderungen im Wald gar nicht das wirkliche Problem, sondern eventueller Regen. Das Karstgestein, aus dem Andros besteht, kann bei Nässe glatt wie Schmierseife werden. Aber wir haben Glück und die dunklen Wolken über der Small Hope Bay ziehen weiter, es bleibt trocken, so daß wir am nächsten Tag in den Wald aufbrechen.

Das Gelände auf der anderen Seite des Queen’s Highway gehört zur Lodge und Dick Birch hat hier im Laufe der Jahre Wege angelegt, die durch dichten Pinienwald am Ufer des Fresh Creek entlangführen. Die Tour ist self-guided und ich mache in der Lodge schnell ein Foto von der Karte, für den Fall, daß wir die Orientierung verlieren. Ausgeschlossen wäre das nicht, Andros‘ Wälder sind bis heute nicht vollständig erschlossen, und dann gibt es ja da auch noch Wesen, die die einen arglosen Wanderer vielleicht in die Irre führen wollen.



Die bahamesische Kultur ist reich an Mythen und Fabelwesen, und eines der bekanntesten ist der Chickcharney. Man sagt ihm nach, großen Einfluß auf das Schicksal der Menschen zu haben, die ihm begegnen. Und wer weiß schon, ob er uns wohlgesonnen ist?


Die Vegetation ist nicht super spannend, im Vergleich zu Florida sogar eher nüchtern. Kein Spanish Moss, keine Palmettos, der Wald besteht überwiegend aus Bahamaspinien mit wenig Unterbewuchs. Der Ehemann findet den Weg ein bißchen langweilig und entschließt sich, eine Abzweigung in die Mangroven auszuprobieren. Es ist zwar keine Krabbensaison, aber vielleicht kommen ja doch welche heraus.

Doch kurz bevor unsere Wege sich trennen, passiert es dann. Über uns raschelt es im Geäst, und da sitzt er. Genau wie beschrieben, mit gesträubten Federn und glühend roten Augen starrt er uns an: Ein Chickcharney.



Es sind nicht wirklich die Augen, die rot glühen, sondern die Haut um die Augen herum, aber im Halbdunkel des Waldes wirkt es so. Und natürlich ist es auch kein Chickcharney, aber ebenso selten und besonders. Über uns sitzt ein Eidechsenkukuck!



Zwei mehr schlechte als rechte Fotos auf die Schnelle mit den Handys gelingen uns, dann ist er auch schon wieder weg. Und wenn es doch ein Chickcharney war? Waren wir höflich genug, daß er uns nicht übel will?

Der Ehemann dreht um Richtung Mangroven, ich marschiere weiter zum Fresh Creek, der ganz still in der Hitze daliegt, nur ein paar Reiher fliegen über das Wasser, sonst bewegt sich nichts.



Der Weg ist gesäumt von dichten Büschen von bahamesischem Saumfarn



und teilweise nur schwer zu erkennen, aber immer dann, wenn ich gerade ins Grübeln komme, wo es weiter geht, taucht ein in einen Baum geknotetes Stück Stoff als Wegweiser auf. Und natürlich haben die Stoffstreifen bunte Farben und Batikmuster.



Es ist nicht weitert schwierig zu gehen, man kann sich aber vorstellen, daß es bei Nässe unangenehm werden kann. Teilweise überquert man die humusgefüllten Löcher im Karstgestein nur auf schmalen Gesteinsbrücken. Wenn man hineinfiele, fiele man weich, aber trotzdem.



Banana Holes nennen sie sowas hier. Durch die dichte Humusschicht am Boden, die ja ansonsten relativ dünn ist, bieten die Löcher gute Wachstumsbedingungen für Bananenstauden und andere Nutzpflanzen. Vermutlich wurde diese Art des Anbaus schon von den Indigenen genutzt.



Dieser Baum hier gedeiht ohne Humus. Der Name ist bahamesischer Humor. Der heißt so, weil die Borke sich schält wie bei einem Touristen mit Sonnenbrand.



Blühen leider gerade nicht: Orchideen





Epiphyt im Streiflicht



Wenn man auf dem Hauptweg bleibt, ist es ein Rundkurs, und irgendwann komme ich ein gutes Stück südlich wieder am Queen’s Highway heraus und marschiere zurück zur Lodge, wo der krabbenlose Ehemann bereits wartet. Während des ganzen Fußmarschs entlang des Highway kommt mir ein einziges Auto entgegen. Die totale Einsamkeit.

Als ich Dennis abends vom Chickcharney erzähle, lacht er sich schlapp. Vom Lizard eating Cuckoo ist er dagegen schwer beeindruckt, die Sichtungen sind wohl extrem selten. Der Ehemann meint, daß es möglicherweise sogar ein Paar war, und Dennis will ganz genau wissen wo im Wald wir ihn gesehen haben.

Weniger begeistert ist er von meinem Wunsch, die Maidenhair Coppice zu sehen. Mich interessieren die Farne, von denen der Ort seinen Namen hat, Frauenhaarfarne, Adiantum, auf Englisch Maidenhair Ferns, die wohl filigransten Farne, die man sich vorstellen kann. Also genau die Sorte, die zuhause immer sofort eingeht. Zwei Arten kommen auf Andros vor, ich habe allerdings keine rechte Vorstellung davon, wie ich mir die Vegetation vorzustellen habe, sind das Einzelpflanzen oder ist der Boden damit bedeckt? Man findet gar keine Bilder im Netz und auch die Guides der Lodge haben keine genaue Kenntnis. Aber hier gehen sie für Gästewünsche die extra mile, und so sitzen wir am nächsten Tag im Auto und suchen die Farne.

Da Dennis auch für den Ehemann Sonderwünsche zu erfüllen versucht, paßt es gut, daß sich am Zufahrtsweg zur Maidenhair Coppice ein Autofriedhof befindet.



Der Ehemann hätte gern ein altes Nummernschild für die Sammlung zuhause, aber leider haben die Rostlauben ihre schon hergeben müssen. Naja, taugen sie eben noch als Fotomotive.



Wir fahren tiefer in den Wald, bis es nur noch zu Fuß weitergeht.

Farne gibt es hier viele, sie bedecken auch den Boden, aber Frauenhaarfarne sind das keine.



Egal, ich bin dankbar, daß sie es mir zuliebe versucht haben. Nächstes Mal, denke ich insgeheim, und inzwischen weiß ich auch, daß man die Maidenhair Coppice mit einem Birding Guide gehen sollte, denn die kennen sich hier am besten aus. Morgen werden wir dafür in einem Teil von Andros sein, in dem die Locals unter den Guides der Lodge sich richtig gut auskennen, und auf den wir uns mit am meisten gefreut haben: Dem Blue Hole National Park

 
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Suse65

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Blue Holes sind auf den Bahamas so häufig wie in Nordflorida die Quellen. Über 250 gibt es allein hier auf Andros, viele davon unerforscht, ungefähr 50 davon ozeanisch. Das, erste zu dem wir jetzt über einen schmalen Pfad durch den Wald gehen, ist das Rainbow Blue Hole.



Es ist trocken und sonnig, man muß trotzdem ein bißchen gucken, wo man hintritt, denn auch hier gibt es zahlreiche Banana Holes. Wir bleiben sowieso alle paar Meter stehen und erhalten Erläuterungen zu Pflanzen, ihren Heilkräften und wie sie in der traditionellen bahamesischen Medizin angewandt werden.

Sieht harmlos und ganz hübsch aus,



ist aber hochgiftig: Poisonwood



Da unsere beiden Guides Bahamesen sind, gibt es lokale Folklore aus der matriarchalisch geprägten Gesellschaft der Bahamas noch obendrein. So erfahre ich auch, daß es auf den britisch geprägten Bahamas sogar eine Kreolsprache gibt, der vielen haitianischen Einwanderer wegen.

Mitten im Wald plötzlich eine kleine Erinnerung an die Südsee: Frangipani



Der Weg endet und auf einmal steht man am Ufer des Rainbow Blue Holes. Es ist viel zu groß, um aufs Foto zu passen, befindet sich mitten im Pinienwald, und der Legende nach hat Cousteau hier mal eine Unterwasserkamera verloren, die bis heute auf dem Grund liegen soll.



In dieses Blue Hole tauchen nur die Marinebiologen der nicht weit entfernten Forfar Field Station, Einheimische eher weniger, denn was dem Wald sein Chickcharney, ist dem Blue Hole sein Lusca:


Anders als die Quellen in Florida, die beständig mit einem Frischwasserzufluß aus dem Aquifer gespeist werden und bis auf wenige Ausnahmen vollständig aus Süßwasser bestehen, ist die Süßwasserschicht eines Blue Holes nur eine Art Linse, die auf dem darunterliegenden Salzwasser schwimmt, das Verbindungen zum Ozean hat, tiefe Höhlen, in die der Lusca seine Opfer hineinzieht.



Im Rainbow Blue Hole gibt es kleine Putzerfische, und auch Geschichten über den Lusca halten mich nicht ab, jetzt meine Käsefüße da reinzuhalten. Daß nicht so viele Fische ihre Dienste anbieten, läßt vermuten, daß auch Fische ihre Grenzen haben.

Geschwommen wäre ich im Rainbow Blue Hole natürlich auch, aber es gibt ein anderes, noch schöneres, tiefer im Andros Blue Hole Nationalpark, und da fahren wir zum Abschluß hin:



Am Parkplatz treffen wir ein paar Birder und wir werden sofort als "die zwei, die den Eidechsenkuckuck gesehen haben" vorgestellt und müssen Auskunft geben über das wann und wo.

Captain Bill’s Blue Hole ist auf Besucher ausgerichtet, es gibt eine Plattform, von der aus man hineinspringen kann. Ich bevorzuge die Leiter-Variante.



Der Ehemann bleibt an Land und fotografiert, also muß ich es allein mit dem Lusca aufnehmen. Kommen sehen würde ich ihn ohnehin nicht, ich habe mein Schnorchelzeug nicht dabei, was mich jetzt ärgert.

Als ich erstmal im Wasser bin, vergesse ich das aber schnell. Wir sind im Moment die einzigen Besucher hier und es ist so besonders, das ganze Blue Hole für sich allein zu haben. Zum anderen gibt es über Wasser so viel zu sehen. Die Karstfelsen haben oberhalb der Wasserlinie Kavernen im Fels, die hinter herabhängenden Kriechpflanzen wie hinter Vorhängen verborgen sind. Wenn man da hineinschwimmt, ist es wie hinter einem grünen Wasserfall. Ich könnte stundenlang hierbleiben.



An den Rändern, wo das Blue Hole flach zur Felswand hin ausläuft, leuchtet das Wasser türkisblau. Man kann sich im Wasser treiben lassen oder auf die Vorsprünge setzen und in die Runde schauen. Mit der Plattform im Rücken ist kein Zeichen von Zivilisation zu sehen, man ist umgeben von endlosen Pinienwäldern. Es ist einfach phantastisch.

Man kann sich nur wünschen, daß Andros, anders als Florida, seine seine wunderbare, einzigartige Natur weiterhin so schützt wie bisher.

Daß es anders kommt, wäre durchaus möglich, denn, so erfahren wir eines Abends beim gemeinsamen Abendessen, ist Andros für viele US-Amerikaner seit letztem Jahr kein blinder Fleck auf der Landkarte mehr. Und daran ist ein Affe schuld. Und zwar ein böser.

Bad Monkey ist eine Fernsehserie, die 2025 auf Apple TV lief und gute Quoten hatte. Die in Florida angesiedelte Handlung basiert auf einem – wer hätte es gedacht – Carl Hiaasen-Roman, ist dementsprechend witzig bis schrullig und dreht sich um einen Privatdetektiv aus Miami, der einen Teil seiner Fälle auf Andros löst.


Wir lernen in der Lodge Leute kennen, die tatsächlich der Serie wegen hier sind.

Beim letzten Abendessen wird es nochmal politikfrei unterhaltsam. Die Amerikanerin am Tisch und ich sind uns einig, daß wir beide Team Kate & William sind und keineswegs Harry & Meghan, während die am Tisch anwesende britische Tauchlererin augenverdrehend anmerkt, ihr sei das vollkommen wumpe, die Monarchie gehöre sowieso abgeschafft. :LOL:

Das lenkt uns von dem Umstand ab, daß heute unser letzter Abend ist und uns unvermeidlich noch der letzte Auftritt bevorsteht. Denn so wie alle anderen, werden auch wir bei der Verkündigung der traurigen Nachrichten des Abends aufgerufen und vor versammelter Mannschaft verabschiedet.

Unsere Abenteuer der Woche werden verlesen, extreme goat-caying, nature hiking und Blue Hole-swimming haben wir mit Androsia cum laude absolviert. Und so wie für alle anderen Abgereisten vor uns gilt der Schlachtruf der Lodge heute uns: Extreme Caution and Bravado!



Eigentlich wußten wir es schon lange, aber als wir abends unsere Koffer packen, ist uns beiden klar: Wir wollen wieder nach Andros. Dann vielleicht später im Jahr, wenn die Krabbenwanderung beginnt, und ganz hinauf in den Norden zum größten oceanic Blue Hole. Wir haben erst einen Bruchteil der Insel kennengelernt, die eigentlich eher ein Kontinent für sich ist.

Wer jetzt neugierig auf Andros geworden ist, für den ist vielleicht die Doku von Conchsalad TV etwas. Living off the Land and the Sea, die für mich einer der Gründe war, auf die Insel zu wollen. Die Sendung ist schon alt, aber immer noch aktuell. Andros hat sich seither kaum verändert.


In jedem Fall wird es beim nächsten Aufenthalt wieder die Small Hope Bay Lodge. Wir haben selten in einer Unterkunft gewohnt, in der man so sehr um seine Gäste bemüht ist wie hier, und der Abschied geht dann auch mit vielen Umarmungen einher und der Hoffnung, bei der Rückkehr die selben Guides und Tauchlehrer wieder hier anzutreffen. Die Leute waren einfach klasse.

Wir sitzen noch lange im Glass Room, denn auch von dem können wir uns schwer trennen



Aber bald werde ich ja eigene Androsia-Kissen haben! 😉

Und so endet dann der letzte, nahezu perfekte Tag in der Small Hope Bay.

 

Ehemann

FLI-Member
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7 Aug. 2018
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Nun steht der Rückflug an und uns wird angst und bange...

Die Hosts der Lodge versuchen, uns zu beruhigen. "Ihr fliegt zurück mit Titan Air? Ach, die sind weniger schlimm als die erste Gesellschaft...". Wie schlimm es in der Titan Air-Maschine wirklich aussehen könnte, erfahren wir dann erst gar nicht, denn die Kiste ist bis auf den letzten Platz gebucht und derart vollgestopft, daß nicht erkennbar ist, ob sie überhaupt mit Rettungswesten und Gurten ausgestattet ist. Links gibt es eine Sitzreihe und rechts zwei. Die Passagiere hängen mit jeweils über dem Gang schwebender Gesäßhälfte in ihren Sitzen und ich habe Mühe, mich bis nach vorne durchzuquetschen, wo sich der letzte freie Sitz befindet. Suse hat zuvor im hinteren Teil einen Platz gefunden.

Mit dem Gepäck auf den Knien rollen wir zum Start und heben quälend langsam ab.







Auch diesmal ist die Tortur nach 10 Minuten vorbei und wir landen wohlbehalten in Nassau. Hier haben wir nun etwas Zeit totzuschlagen und das fällt uns leicht, denn das kleine Terminal, in das wir uns für den Anschluß nach Miami begeben, bietet mit diversen Souvenir- und Fast Food-Läden genug Abwechslung und Zeitvertreib. Ich erwerbe ein Basecap des Kaibik-Labels Pirana Joe, bestelle mir einen Burger und schon geht es zum Gate. Dabei kommen wir in den Genuß der legendären Komfort-Immigration für die USA! Bereits hier in Nassau wird die komplette Prozedur von US-Beamten abgewickelt, der Transfer hat den Status eines Inlandsflugs und in Miami laufen wir später mit unserem Zeugs in wenigen Minuten vom Flieger bis auf die Straße einfach aus dem Airport raus. Unfaßbar.







Wir betreten eine mittelgroße Halle mit der vertrauten Optik der rückseitig angeordneten Counter. Lediglich einer ist besetzt und wir warten nur kurz. Der Officer ist gutgelaunt, will wissen, wo wir waren und was wir vorhaben. Die Tatsache, eine fünfwöchige Florida-Vacation durch eine Woche auf den Bahamas unterbrochen zu haben, findet er genial. Er schiebt die Pässe rüber und wünscht uns viel Spaß. Der anschließende Flug mit American führt erneut über die wunderschönen Riffe der karibischen See. Miami wird dann wie üblich in großem Bogen umkreist und wir überfliegen unter anderem die Everglades. Beim Blick aus dem Fenster wird schon jetzt deutlich, was uns in den nächsten Wochen vor allem negativ, aber im Einzelfall auch positiv tangieren wird: die unglaubliche Dürre des Landes, die mal wieder ein neues Rekordniveau erreicht haben soll. Direkt um den Kanal sieht man noch grüne Vegetation, jenseits davon ist alles trocken und braun.

Was für ein Unterschied zum türkis leuchtenden Wasserparadies, das man nur fünf Minuten zuvor durch dasselbe Fenster betrachten konnte!











Kurz darauf bekommt man dann auch gleich einen der Gründe für die chronische Wasserknappheit in Florida präsentiert. Der ungehemmte Siedlungsbau ist nach wie vor in vollem Gange. Immerhin hat man in dieser Community noch ein paar Gewässer übriggelassen bzw. angelegt. Etwas Lebensraum für Wasservögel, Schildkröten und Alligatoren...




 

Montana

FLI-Silver-Member
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Ich liebe diesen Reisebericht :) Genau mein Geschmack,ich würde die Reise auch so machen. Nur bekomme ich meine Frau nie und nimmer in den Flieger ;)
Freue mich auf die Fortsetzung.
 
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