Bevor man die berühmte Treppe erreicht, passiert man den Parkplatz, auf dem vermutlich sämtliche Reisebusse der Bahamas gleichzeitig Platz finden würden. Die Queens Staircase ist die meistbesuchte Sehenswürdigkeit und offenbar kommen die wenigsten Leute zu Fuß hier herauf.
Dahinter auf der Anhöhe des Bennet‘s Hill (also dem berüchtigten „Hill“), liegt das Fort Fincastle, gebaut im späten 18. Jahrhundert als Schutz vor Piratenüberfällen.
Das Fort ist schon lange geschlossen und kann nicht von innen besichtigt werden, aber die Kanonen stehen dort und man hat einen tollen Blick hinüber nach Paradise Island.
Wenn man auf der anderen Seite nach Süden hinunterblickt geht es also in jeder Hinsicht sprichwörtlich abwärts. Das sind also die Viertel over the hill. Ich kann so aus meiner Perspektive hier gar nichts Bedrohliches erkennen, weiß aber auch nicht, was ich zu sehen erwartet habe. Weder stehen hier halb verfallene Wellblechhütten, noch sitzen Menschen, denen die Crackpfeife aus dem Mund oder die Nadel im Arm hängt, vor offenen Lagerfeuern. Eigentlich sieht es friedlich und still und ganz ordentlich aus, aber das wird täuschen. Vermutlich ist die ganze Gegend hier Gang-controlled. Es wird schon etwas dran sein an der Warnung des Vaters vor ein paar Minuten.
Von hier oben kann man auch schon in den ehemaligen Steinbruch hineinschauen, aus dem man später die Treppe zu Ehren Königin Victorias herausgeschlagen hat.
Im Steinbruch selbst ist es viel schöner, als ich erwartet habe. Trotz der Menschenmassen.
Am Eingang bieten Guides ihre Dienste an und manche Besucher nehmen das auch in Anspruch. Auch einen selbsternannten Fotografen gibt es, dessen Dienstleistung darin besteht, mit dem eigenen Handy des Touristen Fotos von ihm und seinen Begleitern zu machen. Die Gesichtsausdrücke, mit denen die Besucher auf die ausgestreckte Hand, mit der er zur Herausgabe der Smartphones auffordert, reagieren, sind der Brüller. Natürlich bekommt er kein einziges Handy, und wenn er weitergeht, hört man die Leute leise murmeln, ob er sich wohl ernsthaft einbilde, man wolle ihn dann damit rennen sehen?
Ich bleibe eine Weile hier, setze mich neben den Wasserfall und genieße die Verdunstungskälte. Es ist wie in einem Gewächshaus, nur ohne Glasdach. Die mit Moosen und Farnen bewachsenen Wände des Steinbruchs geben einen Geruch ab, den man einfach nur als „grün“ bezeichnen kann. Manche würden es vielleicht auch muffig nennen.
Nachdem ich mich ein bißchen ausgeruht habe, nehme ich die Treppe in Angriff. Mit mir unterwegs ist eine Gruppe US-Amerikanerinnen, die oben angekommen genauso fertig sind wie ich.
Die Treppe ist viel steiler als sie aussieht und wir stehen oben und ringen gemeinsam nach Atem und amüsieren uns über unsere fehlende Fitness.
Bevor ich da wieder runtersteige muß ich unbedingt etwas trinken. Verkaufsstände gibt es genug, überall sitzen einheimische Frauen und verkaufen bahamesische Limonade. Ich kaufe eine Flasche und während ich die trinke, spaziere ich ein bißchen zwischen dem Wasserturm und der Treppe hin und her.
Aus dem belebten Bereich entferne ich mich gar nicht, und trotzdem spricht mich wieder jemand an. Eine Frau kommt die Straße, die um den Wasserturm herumführt, hoch und fragt, wohin ich ginge. Nirgends, sage ich, ich gehe gleich die Treppe wieder runter. Ok, sagt sie, geh aber nicht weiter in diese Richtung.
Alter Schwede. Don’t go over the hill ist definitiv nicht nur eine Floskel.
Wieder die Treppe runter, immer schön eine Hand am Geländer, dann wieder zurück downtown, diesmal auf direktem Wege ohne Abbiegen. An der Straße, die von hier hinunter zum Hafen führt, liegen weitere administrative Gebäude, die Gegend hier ist definitiv gut bewacht, vor jedem Haus Security.
Einer der Wachleute ist dann der nächste, der mich anspricht. Ob ich spazierengehe in Nassau, fragt er mich, und ob mir die Treppe gefallen habe. Von welchem Schiff kommst du? Fragt er. Von keinem, antworte ich, wir wohnen im Hotel und morgen fliegen wir weiter nach Andros. Aaah, Andros, tönt es, zwanzig mal größer als New Providence, wußtest du das? Ja, sage ich, wußte ich. Stimmt ja inzwischen auch.
Kaum besiedelt und fast keine Touristen. Wußtest du das? Ja, wußte ich.
Wunderschön da, die schönste Insel der Bahamas. Ich glaube auch, sage ich.
Er wünscht mir dann eine tolle Zeit und gute Reise. Trotzdem hat sich das Gespräch gerade angefühlt wie der berühmte Glitch in der Matrix.
Inzwischen ist es früher Nachmittag geworden und die Straßen sind leer. Das bedeuteten freien Blick auf die Häuser rings um die historische Downtown, von denen ich dank eines Buches recht konkrete Vorstellungen habe.
Die wunderschönen Bildbände des schon vor über einem Vierteljahrhundert verstorbenen Graham Byfield heute nur noch antiquarisch zu bekommen und waren eine Zeitlang so begehrt, daß es eine ganze Reihe von Videos gibt, in denen jemand das Buch einfach nur durchblättert. Auch von der Bahamas-Ausgabe gibt es so eins:
Das Buch besitze ich schon lange, aber jetzt vor der Reise war es mit seinen vielen Informationen und historischen Zusammenhängen manchmal eine bessere Vorbereitung als mancher moderne Reiseführer.
Vor allem eine der kleineren Abbildungen, das Haus mit den ungewöhnlichen Formen, gefiel mir besonders, und auch zu diesem gibt es im Buch eine Adreßangabe, die sich glücklicherweise diesseits des Hügels befindet. Das Carey House, ein kleines blaues Holzhaus, das von der Form her an das erinnert, was sie in den USA Dutch Colonial nennen:
Ob es wohl noch steht? Die Straße, in der das Haus zumindest in den 80er Jahren gestanden hat, als das Buch entstand, verläuft parallel zur Bay Street. Hier ist es aber vollkommen ruhig, keine Souvenirshops, dafür schöne alte Holzvillen, für die allein es sich schon gelohnt hat, hier mal langzugehen.
Aber ich muß gar nicht weit laufen, da erkenne ich das Carey House schon von weitem.
Im Vergleich zur Abbildung im Buch allerdings schon arg verändert. Als Graham Byfield es gemalt hat, war es bereits 100 Jahre alt, allerdings noch bewohnt und gepflegt, jetzt ist es vermutlich schon lange verlassen. Eine Monstera hat die halbe Haushälfte erobert und überwuchert. Vor den Fensterläden große Vorhängeschlösser, die verhindern, daß es vollständig zum Lost Place wird. Ich wäre aber auch ohne nicht hineingegangen.
Ich finde es immer noch schön, der morbide Charme des Verfalls. Die Empfindungen, die ich beim Betrachten habe, sind ähnlich wie in Stiltsville, etwas melancholisch. Über 120 Jahre hat es hier schon gestanden, jetzt ist das Ende abzusehen.
Ein alter Mann auf einem Fahrrad kommt vorbei und hält sofort an, als er mich das haus betrachten sieht. Er bestätigt mir, daß das Haus schon seit Jahren verlassen sei. Da käme auch niemand mehr. Daß es abgerissen würde, glaubt er nicht, es wird wohl einfach irgendwann in sich zusammenfallen.
Trotzdem schön, hier zu sein und das Haus, dessen Bild ich im Buch so oft angeschaut habe, jetzt wirklich zu sehen. Irgendwie seltsam auch und beim Weggehen muß ich mich noch dreimal umdrehen. Wer weiß, ob ich jemals wieder hierher komme.
Viele andere Häuser in Nassau sind gut gepflegt und erhalten. Wenn man in die Seitenstraßen hineingeht, sind die Fotomotive quasi unendlich.
Besonders freue ich mich, daß ich irgendwann an einem Laden vorbeikomme, der Junkanoo-Kostüme verkauft. Die sind vermutlich nicht so prächtig wie das, was man im entprechenden Museum zu sehen bekommen hätte, aber dafür ist das hier ein echter Laden, in dem sich die Locals vermutlich für die nächste Parade am Boxing Day einkleiden.
So arbeite ich mich langsam wieder zur Bay Street zurück und dann hinein in den Straw Market. Heute am Sonntag sind viele Stände unbesetzt und mit Plastikplanen abgehängt, was der ganzen Angelegenheit etwas Ungemütliches gibt.
Draußen vor dem Gebäude gefällt es mir besser und hier finde ich dann auch zwei Kühlschrankmagneten. Einen mit Bahamas-Schriftzug und einen älteren mit dem Coats of Arms, der schon ein bißchen angerostet ist, was aber gut paßt. Dafür möchte er so einen Phantasiepreis, daß ich spontan lachen muß, woraufhin der Preis sofort um zwei Drittel fällt.
Von welchem Schiff ich käme, fragt er. Von keinem, sage ich, wir sind hier im Hotel und lasse weg, daß wir morgen nach Andros fliegen. Wenn ich das selbe Gespräch nochmal hätte führen müssen, hätte ich wohl gefragt, ob ich jetzt bitte die rote Pille haben kann.
Die letzten Meter zurück zum Hotel ziehen sich, denn ich habe Gegenverkehr. Wir erinnern uns, wie der Tag begann? Die fröhliche Kreuzfahrerkarawane auf dem Weg zum Junkanoo-Beach? Genau. Das war heute Morgen.
Jetzt ist Schichtwechsel, einige der Pötte haben bereits getrötet, wie im Theater, wenn zum Ende der Pause geklingelt wird. Und alle, alle kommen sie mir jetzt entgegen, nur der Anblick hat sich ein wenig verändert. Puterrot im Gesicht, die Kinder schlafend in den Armen der Mütter, der Vater behängt mit Poolnudeln, aufgeblasenen Einhörnern und Beuteln voller Förmchen, schleppen sie sich voran. Der Weg vom Junkanoo Beach bis zu ihrem Schiff muß ihnen endlos vorkommen.
Es sieht fast so aus, als wolle der gute alte Woodes Rogers auf seinem Sockel vorm Hotel ihnen einen aufmunternden Klaps verpassen. Hurtig, hurtig, das Schiff wartet nicht!
Wir lassen unseren letzten Abend im Hotel ausklingen. Mit Blick auf den sich immer wieder leerenden und neu füllenden Cruise Port. Der Ehemann nutzt das letzte Mal die Möglichkeit zum Fernsehen, das werden wir jetzt eine Woche lang nicht mehr haben, und kommentiert entsetzt die Beiträge über die Unfälle, die sich kurz nach unserem Besuch in der Biscayne Bay ereignet haben.
Ich muß wenigstens einmal die tolle Badewanne in ihrem Alkoven ausprobieren und lasse den Tag Revue passieren. Am allermeisten freue ich mich, daß ich das kleine blaue Haus gefunden habe. Und die Leute. Wie auch immer die Leute jenseits des Hügels drauf sein mögen, diesseits habe ich so viel freundliches Interesse erlebt wie wohl noch nirgends auf der Welt.
Vielleicht kommen wir ja irgendwann doch nochmal nach Nassau, es gibt noch einiges, das man an einem Tag nicht schafft. Aber vermutlich würde ich sowieso bloß wieder in die Dowdeswell Street laufen und nachschauen, ob das Carey House noch steht.
Nur daß ich hier, auf der in dem Calypso vorhin besungenen „Island of Tune“ keinen einzigen Ton Steel Pan Music gehört habe, darüber bin ich ein bißchen enttäuscht, aber davon abgesehen ist Nassau durchaus der tropical charmer. Ich mag die Stadt, zumindest den kleinen Ausschnitt, den ich davon kennengelernt habe.
Die Erwartungen an unser nächstes Ziel sind hoch und sind durch die Reaktionen der Nassauer nicht geringer geworden. Die mich allerdings nicht im Geringsten überrascht haben.
Vor Jahren gab es einmal eine Umfrage des Ministry of Tourism der Bahamas, welches wohl die meistunterschätzte Insel der Bahamas sei, und auf Platz eins in der Einschätzung der Bahamesen landete: Andros.
Wie sehr die Einheimischen die Insel schätzen ist dem Bekanntheitsgrad unter Touristen diametral entgegengesetzt. Andros, das Bonefishing-Capital of the World, eingerahmt vom drittgrößten Korallenriff der Welt und der Tongue of the Ocean, dem tiefen Graben, der Andros von New Providence trennt. Andros ist nicht nur über zwanzig mal größer als New Providence, genau genommen ist Andros allein so groß wie alle anderen Inseln der Bahamas zusammen genommen. Es ist eine gewaltige Landmasse, die man eigentlich gar nicht übersehen kann, und dennoch tun es die meisten, die die Bahamas besuchen.
Und die Androsians möchten, daß das auch genau so bleibt. Große Hotels sucht man hier vergeblich. Öko soll der Tourismus sein, nachhaltig, Gewinne, die nicht an ausländische Ketten gehen, sondern über privat betriebene Pensionen und Lodges direkt in die Hände der Locals. Wer nach Andros kommt, ist Angler, Taucher oder Birder, will in den Blue Holes schwimmen oder von lokalen Guides über Bush Medicine und bahamesische Kultur lernen. Alle anderen dürfen gern weiterhin achtlos darüber bis ins siebenundzwanzig mal kleinere New Providence hinwegfliegen.
Andros sieht sich selbst als schlafenden Giganten, der gar nicht geweckt werden möchte. A sleeping Giant. Das klingt genau nach unserer Insel!