Da wir gerade in der Nähe sind, halten wir noch kurz am Miradouro do Canical. Dies ist nun wirklich der letzte Aussichtspunkt unserer Reise ... großes Ehrenwort! 😊
Noch einmal genießen wir den fantastischen Blick auf die Steilküste. Wir halten kurz inne, nehmen einen tiefen Atemzug und saugen das Panorama ein letztes Mal auf, bevor wir die raue Wildnis der Halbinsel endgültig hinter uns lassen.
Wir schlängeln uns über die Küstenstraße hinunter in das beschauliche Porto da Cruz.
Im Zentrum finden wir schnell einen Parkplatz und spazieren gemütlich zur Uferpromenade. Hier schlägt die raue Brandung des Atlantiks kraftvoll gegen die Felsen und sorgt für eine wunderbare Meeresbrise. Direkt am Meer kehren wir im Restaurant Praca Velha ein, um uns mit lokaler Küche für das nächste Erlebnis zu stärken. Das Essen war gut, aber eine wirkliche Empfehlung kann ich nicht aussprechen.
Destillerie Engenhos do Norte
Nach dem Essen laufen wir nur ein paar Schritte weiter zur historischen Destillerie Engenhos do Norte, die mit ihrem markanten Backsteinschornstein das Ortsbild prägt.
Ich hatte so sehr gehofft, dass wir live dabei sein könnten, wenn die gewaltige, alte Dampfmaschine mit voller Kraft den süßen Saft aus dem Zuckerrohr presst. Es ist bestimmt beeindruckend, dieses technische Relikt aus dem Jahr 1927 in Aktion zu erleben. Schließlich gilt die Fabrik als einer der wenigen Orte in Europa, an denen noch mit originalen Dampfmaschinen aus der Zeit der industriellen Revolution gearbeitet wird.
Als wir die Werkshalle betreten, herrscht jedoch eine ungewohnte Ruhe. Leider steht die Maschine still. Es ist der 28. Mai, somit ist es wohl schlichtweg zu spät im Jahr. Die Erntezeit namens Safra beginnt meist im März und endet oft schon Mitte Mai. Da die Fabrik nur verarbeitet, was frisch von den Feldern kommt, verstummen die Maschinen sofort, wenn das letzte Rohr gepresst ist. Schade!
Trotzdem bleibt die Destillerie ein lohnenswerter Stopp. Ein Vorteil der Ruhe ist der ungestörte Einblick, da man die Werkshalle außerhalb der Erntezeit einfach so betreten kann. Wir stehen jetzt direkt vor den Maschinen und lassen die Kulisse auf uns wirken. Es riecht markant nach altem Eisen, nach Öl und einem Hauch von süßlichem Zuckerrohr.
Die Geschichte vom weißen Gold und der Weg zur Weinkultur
Der Anbau von Zuckerrohr ist seit über 500 Jahren untrennbar mit der Geschichte Madeiras verbunden. Bereits im Jahr 1425 ließ Heinrich der Seefahrer die ersten Setzlinge aus Sizilien importieren. Gemeinsam mit den Pflanzen kamen erfahrene Fachkräfte aus dem Mittelmeerraum auf die Insel, die das nötige Wissen über die Zuckerverarbeitung mitbrachten. Dank des fruchtbaren Vulkanbodens und des milden Klimas gedieh die Pflanze so prächtig, dass Madeira zeitweise zum größten Zuckerexporteur der Welt aufstieg. In dieser goldenen Ära nannte man den Zucker ehrfürchtig das weiße Gold. Er war in Europa ein kostbares Luxusgut, das der Insel enormen Reichtum bescherte. Dieser finanzierte nicht nur prachtvolle Herrenhäuser, sondern war auch der entscheidende Grund für den Bau der ersten Levadas, um die wasserintensiven Plantagen zu bewässern.
Doch die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt währte nicht lange. Mitte des 16. Jahrhunderts bekam die Insel mit der Konkurrenz aus Übersee ein übermächtiges Problem. In den neuen Kolonien in Brasilien und der Karibik konnte auf riesigen, flachen Plantagen weitaus billiger produziert werden als auf den mühsam bewirtschafteten Steilhängen Madeiras. Als die Weltmarktpreise für Zucker fielen und die Böden der Insel durch die Monokultur erste Ermüdungserscheinungen zeigten, standen die Inselfürsten vor einer existenziellen Krise. Die Lösung lag in einer radikalen Umstellung der Landwirtschaft. Viele der mühsam angelegten Terrassen, die sogenannten Poios, wurden fortan nicht mehr mit Zuckerrohr, sondern mit Weinreben bepflanzt. Dieser strategische Wechsel markierte den Beginn einer neuen Ära, in der der Madeira Wein das Zuckerrohr als wichtigstes Exportgut ablöste und den Weltruf der Insel als Heimat ihrer ganz eigenen, legendären Weinkultur begründete.
Trotz des Siegeszugs des Weins ist die Tradition des Zuckerrohrs nie ganz verschwunden, auch wenn es heute nur noch auf einer begrenzten Fläche kultiviert wird. Eine Besonderheit Madeiras ist bis heute die enorme körperliche Anstrengung, die dieser Anbau erfordert. Da der Einsatz moderner Erntemaschinen auf den schmalen Terrassen unmöglich ist, muss jede einzelne Stange von Hand mit der Machete geschlagen werden. Sobald die Stangen geschnitten sind, müssen sie innerhalb von 24 bis 48 Stunden verarbeitet werden, damit der Zuckergehalt nicht sinkt. Im Gegensatz zur industriellen Massenware wird hier vorwiegend der hochwertige Rum Agricole hergestellt, den man vor Ort Aguardente de Cana nennt und der direkt aus dem frischen Saft der ersten Pressung destilliert wird.
Dieser kräftige Brand bildet die Basis für das Nationalgetränk Poncha, bei dem, wie schon erwähnt, der Rum mit Honig und frischem Zitronen- oder Orangensaft zu einer perfekten Einheit gemischt wird. Zudem entsteht aus dem Rohr der dunkle Mel de Cana, eine Grundzutat für den berühmten Honigkuchen Bolo de Mel. Auch wenn die Zeit des großen Reichtums durch Zuckerrohr längst vorbei ist, bleibt es ein fester Bestandteil der Identität Madeiras. Man schmeckt und spürt seine Geschichte in jedem Glas Poncha und in jedem Stück dieser süßen Tradition.
Nach dem Rundgang durch die stillstehende Fabrik zieht es uns in die angeschlossene Casa do Rum. Dort wartet die Geschichte der Destillerie in flüssiger Form auf uns. Hier erfahren wir auch das Geheimnis des madeirischen Rums und wie er im sogenannten Agricole-Stil hergestellt wird.
Der Agricole Rum von Madeira
Was den Madeira-Rum so außergewöhnlich macht, ist seine Stellung als echte Rarität. Weltweit macht er nur etwa drei bis fünf Prozent der gesamten Produktion aus. Während über 90 Prozent der industriellen Massenware aus Melasse gewonnen werden, wird hier ausschließlich purer, frisch gepresster Zuckerrohrsaft für die Destillation genutzt. Da dieser Saft bereits innerhalb weniger Stunden unkontrolliert zu gären beginnt, kann Agricole-Rum nur dort produziert werden, wo das Zuckerrohr quasi direkt vor der Haustür wächst. Die Destillerie muss sich daher zwingend vor Ort oder in unmittelbarer Nähe der Felder befinden, um den Rohstoff ohne Zeitverlust verarbeiten zu können.
Aufgrund der geografischen und zeitlichen Gebundenheit ist der Herstellungsprozess weitaus aufwendiger und teurer als bei der industriellen Konkurrenz. Sobald die Ernte vorbei ist, steht die Produktion unweigerlich still. Diesen Umstand haben wir bei unserem Besuch in der Fabrik am eigenen Leib erfahren. Madeira ist neben den französischen Antillen, wie etwa Martinique oder Guadeloupe, eine der ganz wenigen Regionen weltweit, die dieses geschützte und traditionsreiche Verfahren mit Stolz pflegen.
Dieser landwirtschaftliche Ansatz sorgt für ein völlig anderes Geschmacksprofil. Anstelle von schweren, süßen Karamellnoten trägt ein Agricole-Rum die frischen, lebendigen Aromen der Pflanze in sich. Er schmeckt grüner und fast pflanzlich mit Nuancen von frischem Gras und Erde, die durch fruchtige und blumige Akzente ergänzt werden. Es ist ein ehrliches und komplexes Destillat, das mit jedem Schluck das Terroir der Insel mit den mineralischen Vulkanböden und der salzigen Meeresluft einfängt. Auf Madeira ist dieser Stolz als „Rum da Madeira” sogar rechtlich geschützt. Hier genießt man also kein industrielles Nebenprodukt, sondern den unverfälschten Charakter des madeirischen Zuckerrohrs.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf gönnen wir uns eine kleine Verkostung von drei verschiedenen Sorten der Premium Marke Rum 970. Da einer von uns als Fahrer die Verantwortung trägt, teilen wir uns das Erlebnis. Das ist eine vernünftige Entscheidung, denn die vor uns aufgebauten Sonderabfüllungen sind charakterstark und intensiv. 🤪Hicks!
Den Anfang macht die
970 Single Cask Edition mit weißem Etikett. Dieser Rum stammt aus einem einzigen, ausgewählten Fass. Er wurde 2017 destilliert und durfte sieben Jahre reifen, bevor er 2024 mit 49,3 Volumenprozent abgefüllt wurde. Er ist der puristischste der drei Rums und bringt die feine Note des frischen Zuckerrohrs wunderbar zur Geltung.
Danach steigern wir uns zum Rum
970 Cask Strength Edition mit dem violetten Etikett. Dieser Rum wurde mit stolzen 53,1 Volumenprozent in Fassstärke abgefüllt, ohne dass er vorher mit Wasser verdünnt wurde. Er lagerte seit 2016 in einem ehemaligen Madeirawein-Fass, was ihm eine faszinierende Tiefe verleiht. Hier trifft die natürliche Intensität auf die feine Süße des berühmten Likörweins. Mein Favorit.
Den krönenden Abschluss bildet der Rum
970 Madeira Wine Cask Edition mit dem edlen schwarzen Etikett. Mit 55,5 Volumenprozent ist dies die konzentrierteste Probe. Dieser Rum reifte seit 2015 und hat die dunklen Aromen von getrockneten Früchten sowie Eichenholz tief in sich aufgesogen. Männes Favorit.
Es ist interessant, wie unterschiedlich sich derselbe Grundstoff allein durch die Wahl des Fasses und die Reifedauer entwickeln kann.
Saúde! – ein herzliches Prost aus der Casa do Rum!
Nach dem Besuch der Destillerie fahren wir zurück in unser Ferienappartement. Während mein Mann noch einmal die Gelegenheit für einen Sprung in den Pool nutzt, genieße ich die ruhige Atmosphäre des späten Nachmittags. Leider steht der letzte Abend hier auf Madeira bevor. Ich packe den Bolo de Mel aus, den uns die Hausverwaltung geschenkt hat.
Dieser traditionelle Honigkuchen gilt als das älteste Gebäck Madeiras und seine Wurzeln reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Die Geschichte besagt, dass er von den Nonnen des Klosters Santa Clara in Funchal kreiert wurde. In der Stille hinter den Klostermauern kombinierten sie den heimischen Zuckerrohrsirup mit kostbaren Gewürzen, die von den Seefahrern aus Indien und Fernost auf die Insel gebracht wurden. Das Ergebnis ist eine sehr schmackhafte und energiereiche Spezialität, die bis heute mit Walnüssen, Mandeln und einer Gewürzmischung aus Zimt, Nelken und Anis verfeinert wird. Das hört sich nicht nur lecker an, sondern schmeckt auch so.
Voller Vorfreude greife ich zum Messer und zerteile den duftenden, dunklen Kuchen in gleichmäßige Stücke. Erst später erfahre ich, dass ich damit eine der heiligsten kulinarischen Regeln Madeiras gebrochen habe. Ein echter Bolo de Mel wird nämlich niemals geschnitten, sondern traditionell nur mit den Händen gebrochen. Angeblich schadet das Metall der Klinge seinem Aroma und der legendären Haltbarkeit. Ups …
In unserem Fall spielte die Haltbarkeit allerdings keine Rolle, denn der Kuchen schmeckt so gut, dass er den Abend nicht überleben wird.
Nach dem erfrischenden Bad gesellt sich mein Mann zu mir auf die Terrasse. Er bringt die bereits halbleere Flasche Madeira Wein mit und gemeinsam genießen wir das köstliche Gebäck zum Wein. Die Kombination ist einfach unschlagbar, da die malzige Süße des Weins die würzigen Noten des Kuchens perfekt unterstreicht.
Das Geheimnis des Madeira-Weins
Die Entstehungsgeschichte des Madeira-Weins ist eng mit dem Zeitalter der Entdeckungen und der strategisch günstigen Lage der Insel im Atlantik verbunden.
Im 15. Jahrhundert zunächst als einfacher Tafelwein angebaut, entwickelte sich das Getränk erst durch die Anforderungen der Seefahrt zu seiner heutigen Besonderheit. Da Madeira der letzte Versorgungshafen für Schiffe auf dem Weg in die Neue Welt und nach Indien war, wurden große Mengen Wein als Proviant und Ballast geladen. Um den Wein für die monatelangen Überfahrten durch tropische Klimazonen zu stabilisieren, wurde er mit Branntwein angereichert.
Während dieser Seereisen machten die Händler eine entscheidende Entdeckung: Der Wein, der in den heißen Laderäumen mehrmals den Äquator überquert hatte, verdarb nicht etwa, sondern entwickelte durch die ständige Wärme und die Bewegung des Schiffes eine völlig neue Komplexität. Es entstanden Aromen von Nüssen, Karamell und Trockenfrüchten, die den „Vinho da Roda“ (Wein der Reise) zu einem der begehrtesten Luxusgüter in Europa und Amerika machten.
Als die Schifffahrt im 19. Jahrhundert effizienter wurde und Segelschiffe zunehmend durch Dampfer ersetzt wurden, suchten die Winzer nach Möglichkeiten, diesen Reifungsprozess an Land nachzuahmen. Vor der Einführung moderner technischer Anlagen nutzte man hierfür die natürliche Architektur der Inselhäuser. Die Weinfässer wurden in den obersten Stockwerken, direkt unter den von der Sonne aufgeheizten Ziegeln der Dachböden, gelagert. Diese Methode der langsamen, natürlichen Erwärmung ist als Canteiro-Verfahren bekannt und wird noch heute für die Herstellung der hochwertigsten Weine angewandt. Später wurde das Estufagem-Verfahren entwickelt, bei dem der Wein über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten in kontrolliert beheizten Edelstahltanks reift. Durch diese Wärmebehandlung wird der Madeira-Wein praktisch sehr lange haltbar und außergewöhnlich oxidationsresistent
Der Wein spielte auch historisch eine bedeutende Rolle, insbesondere in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Aufgrund von Handelsprivilegien war er ein sehr beliebter Wein der amerikanischen Gründerväter. So ist beispielsweise belegt, dass am 4. Juli 1776 mit Madeira-Wein auf die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung angestoßen wurde. Heute unterliegt die Produktion strengen Kontrollen durch die offizielle Weinbehörde der Insel. Jede Flasche, die diese Prüfung durchläuft, trägt ein nummeriertes Siegel am Flaschenhals. Es garantiert die Einhaltung der traditionellen Herstellungsverfahren und die Güte des Inhalts.
Wir sitzen immer noch auf der Terrasse und lassen den Tag ausklingen. Da fällt mir ein, dass wir noch einige Früchte im Kühlschrank haben. Ich richte mit diesen letzten Schätzen einen bunten Obstteller an, der die Vielfalt der Insel ein wenig widerspiegelt.
Neben zwei klassischen Nektarinen liegen dort Trauben, die so groß wie Aprikosen oder Zwetschgen sind. Sie sind unglaublich süß, saftig und so knackig, dass jeder Bissen eine Freude ist. Dann gibt es noch die längliche Bananen-Maracuja. Ihr leuchtend orangefarbenes Inneres überrascht mit einer spritzigen Säure.
Dazu gesellt sich die Granadilla, die ebenfalls zur Familie der Passionsfrüchte gehört. Im Gegensatz zur Maracuja ist ihr glasiges Fruchtfleisch sehr süß und mild. Als herben Kontrast schneide ich eine gelbe Tamarillo auf. Diese Baumtomate hat einen ganz eigenen, herb-süßen Charakter, der wunderbar mit den anderen Früchten harmoniert.
Den Abschluss bilden die kleinen Pitangas, die auch als Surinamekirschen bekannt sind. Mit ihrer tiefroten Farbe und der markanten Rippung sehen sie fast aus wie kleine Laternen. Ihr Geschmack ist einzigartig und reicht von süß-säuerlich bis hin zu einer ganz leicht harzigen Note.
Der Nachmittag klingt ruhig aus. Wir sitzen noch eine Weile zusammen, naschen hier und da ein Stück Obst oder Kuchen, trinken einen letzten Schluck. Später beginnen wir dann langsam, die Koffer zu packen.