Dies wird der erste Tag, an dem wir abends richtig Essen gehen werden, bislang haben wir uns Restaurantbesuche verkniffen. Die Kosten für Lebensmittel und Getränke waren in England schon immer höher als auf dem Kontinent, auch San Francisco kann nicht mithalten, wenn man im indischen Minimarkt 4 Pfund für ein einzelnes Snickers zahlt. Wir hätten mal gucken sollen, was eigentlich hier ein Bounty kostet, aber auf die Idee sind wir nicht gekommen.
Meistens konnten wir abends den gigantischen Hotdogs auf der Westminster Bridge sowieso nicht widerstehen. Und danach hatte man essenstechnisch keine Fragen mehr. Die rechts sind die 10 Pfund-Varianten. Also preislich, obwohl man mit allen Zutaten auch das Gefühl hatte, das als Gewicht in der Hand zu halten.
Wie das immer so ist, lernen wir jetzt, wo wir London bald verlassen, die Umgebung unseres Hotels erst richtig kennen. Die vergangenen zwei Tage sind wir immer Richtung Fluß gegangen, heute zum ersten Mal auf die Rückseite, nach Lambeth.
Hätten wir das mal eher getan, aber hinterher ist man ja immer schlauer. Während sich vor dem Haupteingang das supertouristische London entfaltet, mit dem Parlament, Big Ben und dem London Eye, liegt dahinter plötzlich eine andere Welt.
Lambeth ist natürlich kein preiswerter Stadtteil, auch das ist Innenstadt-London, aber mit einem ganz anderen Charakter. Nur wenige Meter hinter dem Hotel finden wir kleine Pubs, Coffee Shops, Blumenläden und sogar eine Filiale von Selfridge’s, wo das Snickers dann vielleicht nur noch 2 Pfund gekostet hätte. 😉
Die Gebäude sind historisch, mehrstöckige Wohnhäuser der Jahrhundertwende. Und mittendrin, in einer Parkanlage vor einem Museum, steht plötzlich ein Stück Berliner Mauer.
Was die da zu suchen hat, erklärt sich, wenn man weiß, daß das Gebäude, zu dem die Parkanlage gehört, das Imperial War Museum ist, ein Museum mit dem Bildungsauftrag, den folgenden Generationen die Gräuel der Kriegsführung einschließlich der des Kalten Krieges plastisch vor Augen zu führen, weshalb es auch keinen Eintritt kostet. Unter anderem zeigen sie auch eine deutsche V2, die den Grundstein legte für alles, was man heute in Cape Canaveral ins All steigen sieht. London hat im Zweiten Weltkrieg besonders unter dem Beschuß durch V2 gelitten, und eine solche ist damals auch unweit von hier eingeschlagen und hat in dem historischen Stadtteil massive Schäden hinterlassen.
Tatsächlich nur ganz knapp verschont geblieben ist dabei das Haus Lambeth Road Nr. 100 ziemlich genau gegenüber des Museums. Das Haus, in dem Kapitän Bligh, bis zur Meuterei der Kommandant der Bounty, nach seiner Rückkehr aus Tahiti lebte.
Eine Plakette erinnert daran, mehr kann man dieser nicht entnehmen. Wir sind nicht die einzigen, die hier stehen und Fotos machen. Der Ehemann freut sich, ein weiteres Puzzleteil, das zur Geschichte um die Bounty gehört. 2022 standen wir in Tahiti in der Matavai-Bucht, in der die Bounty bei ihrer Ankunft in Polynesien ankerte, und 2019 lebten wir 10 Tage mit Blick auf den Vulkankegel von Tofua in der Lagune von Ha’apai in Tonga, genau dort, wo die Meuterer den Kapitän mit den Seeleuten, die zu ihm hielten, in einem Beiboot aussetzten.
Was wir nicht wissen, ist, daß Blighs Grabstelle sich nicht weit von hier in einem Kapellhof befindet, der heute zum Museum für Gartenbaugeschichte gehört. Ein weiteres Argument, warum wir wiederkommen müssen. Und wo wir dann wohnen werden, findet sich später auch noch. Denn daß es sich bei dem Haus in der 100, Lambeth Road, um ein Bed & Breakfast handelt, ist, so lesen wir später, Londons best kept secret.
Was uns fehlt sind der Anfang und das Ende der Geschichte der Bounty. Aber zumindest einen Teil davon werden wir heute noch abhaken können.
Am frühen Abend haben wir einen Tisch in Wapping reserviert. Von der Tower Bridge aus gestern hätten wir zu Fuß entlang der Themse hinlaufen können, aber vom Hotel aus ist es wieder eine längere Fahrt mit der Tube mit Umsteigen.
Die Station, an der wir aussteigen müssen, wirkt uralt, rostige Wendeltreppen führen nach oben. Als wir auf der Straße stehen, dämmert es schon, es hat geregnet, das Kopfsteinpflaster glänzt im Schein der Laternen. Links von uns der Fluß, dazwischen die alten Backsteingebäude der Werften. Es erinnert an die Speicherstadt in Hamburg, nur daß hier sündhaft teure Lofts entstanden sind, die sich vermutlich nur kinderlose Doppelverdiener aus dem internationalen Börsenhandel leisten können.
Und mittendrin das Town of Ramsgate. Blau angeleuchtet und so behaglich und traditionell, wie ein Pub nur sein kann.
We've Been Here A Long Time - Since Mid 1400'S In Fact! Today We Offer The Finest Drinks And Pub Food On The Thames.
townoframsgate.pub
Das Town of Ramsgate soll einer der ältesten Pubs hier an der Themse sein, was sicher stimmt, denn er wird seit dem 15. Jahrhundert durchgehend betrieben. Aber das allein macht ihn noch nicht zu etwas Besonderem. Hier, in den Gassen von Wapping, lebte der junge Bligh, bevor er die Bounty kommandierte, hier wurde der Kaufvertrag für die Bounty begossen und hier tranken Bligh und Fletcher Christian, damals noch in gutem Einvernehmen, ihre letzten Pints, während die Bounty unterhalb des Pubs vor Anker lag, bereit zur Abreise nach Polynesien.
Der Pub ist voller trinkfreudiger Gäste, der Wirt hat gut zu tun. Biere gibt es diverse, vor allem englische und irische. Wir bestellen uns Bitter und Guinness. Die Speisekarte ist einfach, Burger und gebackene Camemberts, Pizza, solche Sachen halt. Wir warten lange aufs Essen, der Pub ist ein Familienbetrieb und wie es aussieht, rotiert die Wirtin in der Küche ganz allein, während Vater und Sohn die Bar bedienen. Aber das macht gar nichts, die Atmosphäre ist gemütlich, das Treiben hier zu beobachten macht Spaß. Der Pub selbst ist urig und an den Wänden hängen Bligh-Portraits.
Wir versuchen, uns vorzustellen, wie sie hier gesessen haben, das Schiff draußen auf dem Fluß vor Anker, mit ihren Abschiedsbieren in der Hand, bevor es auf große Fahrt ging.
Durch den Seitenausgang kommend, steht man direkt in der schmalen Gasse, die zwischen den Gebäuden an den Fluß führt. Zum Wasser hinunter sind es nur ein paar Stufen. Abgesehen von dem Licht, das aus den Fenstern des Pubs fällt und denen vom anderen Themseufer ist es stockfinster (wir haben das fürs Foto mit den Handytaschenlampen ausgeleuchtet 😉 ). Wenn Jack the Ripper irgendwo lauern würde, wäre das genau der richtige Ort dafür.
Im Sommer herrscht hier auf den Terrassen der Lokale am Fluß vermutlich lustiges Treiben, jetzt sind wir die einzigen, die die leeren Straßen zurück zur U-Bahn entlangmarschieren. Ein bißchen unheimlich ist es schon, aber als gute Englandtouristen haben wir solide Regenschirme dabei, mit denen wir Tunichtgute verprügeln könnten, und sowieso läßt sich niemand blicken.
Zurück durchs nächtliche London.
Wir genießen nochmal den Blick auf den Big Ben bei Nacht. Die Aussicht vom Hotel aus auf die Brücke mit allem Drumherum ist schon phantastisch. Ab morgen werden wir eine vollkommen veränderte Aussicht haben.
Ja, nun haben wir den Ort gesehen, an dem die Geschichte der Bounty ihren Anfang nahm. Um den Ort zu sehen, an dem alles endete, müßten wir jetzt nur noch nach Pitcairn. Aber nach allem, was wir recherchiert haben, ist das so zeitaufwändig, das ist wohl eher etwas für das Rentenalter.
Zeitaufwändig gestaltet sich auch die Weiterreise. Am nächsten Tag verlassen wir London. Ein letztes ausgiebiges Frühstück im Westminster Park Plaza, dann zerren wir unsere Koffer zur Waterloo Station, die nur wenige Minuten entfernt liegt, und starten das Abenteuer Dorset.