Zu den bezaubernden kleinen Begebenheiten gehören auch die beiden Abwasch-Falterfische, die sofort daß ich ins Wasser gehe, da sind und mich beim Schnorcheln begleiten wie zwei Hunde. Das Schnorcheln hier ist ergiebig, nicht nur die bunten Lippen der unzähligen Mördermuscheln, sondern auch die gesunden, großen Korallenstöcke und der Fischbesatz weisen darauf hin, daß das Riff hier einigermaßen intakt ist, was sicher auch mit der permanenten Strömung zu tun hat, die hier in den Kanälen zwischen den Motus herrscht.
Die Mördermuscheln werden aufgrund ihrer Form hier Weihwasserbecken genannt, Bénitier. Sie gelten als Delikatesse und die Einheimischen ernten sie für den Eigenbedarf aber auch zum gelegentlichen Verkauf auf Tahiti ab. Sie sind zu abertausenden in der Lagune vorhanden und von daher darf man wohl davon ausgehen, daß die Einheimischen bislang immer mit Umsicht zu Werke gegangen sind, um den Bestand nicht zu gefährden.
Nicht nur darüber haben wir nachgegrübelt, sondern auch, weshalb man hier eigentlich nie eine Fließrichtung erkennen kann; egal, ob Ebbe oder Flut, das Wasser in den Kanälen scheint immer vom Riff weg in die Mitte der Lagune zu strömen, und das mit gleichbleibend hoher Geschwindigkeit. Wir vermuten, daß es vielleicht einen Kreislauf zwischen Motu Rani und dem gegenüber gelegenen Motu gibt. Jedenfalls ist das Schnorcheln gegen die Strömung anstrengend bis fast unmöglich und man muß permanent aufpassen, nicht gegen einen Korallenblock getrieben zu werden.
Wie als Beweis kommt eines Tages ein rundes Objekt vom Riff her Richtung Lagune, in einem Affenzahn treibt es an uns vorbei. Man erkennt schon, daß es sich um eine Boje handelt, die sich wohl irgendwo draußen auf dem Ozean von einem Fischernetz gelöst hat, aber für uns in unserer Situation ist das natürlich die Steilvorlage. Wir schaffen es gerade einmal, „Es tut uns leid, Wilson!“, hinterherzurufen, da ist sie auch schon außer Sichtweite.
Dabei ist der Kanal vor unserem Strand noch nicht einmal der breiteste und tiefste. Terani hat uns an einem seiner Besuchstage eine Karte der Lagune in den Sand gezeichnet und uns gezeigt, in welchen der Strömungskanäle wir die größten Fische finden würden. Wir hätten uns das gern auf der ausgefallenen Lagunentour angesehen um einschätzen zu können, ob man dort gut mit dem Kajak hinfahren kann. Das Kajakfahren ist weiter draußen auf der Lagune, wo das Wasser ruhiger fließt, angenehmer, aber in den Kanälen mit ihrer Strömung schon eher schwierig, vor allem wenn man, wie wir, keine Erfahrung hat.
Aber weil ich doch neugierig bin auf Teranis Kanal, raffe ich mich zu Fuß auf, der Rückseite der Insel einen Besuch abzustatten.
Hier stehen vereinzelt Fischerhütten, die aber nicht bewohnt sind und vor allem zur Aufbewahrung von Material dienen.
Die kleineren Kanäle zwischen den Motus sind leicht zu durchqueren. Hier gibt es noch feine Sandstrände, die sich Richtung Riff ziehen.
Irgendwann bin ich dann aber soweit vorgedrungen, daß ich ohne Kajak nicht mehr weiterkomme. Vor mir liegt der von Terani beschriebene Kanal. Hier ist das Wasser dunkelblau, hier gibt es mit Sicherheit größere Fische, der Kanal scheint tief zu sein. Die Strömung kann ich nicht einschätzen. Ob ich mich trauen würde, hier mit dem Kajak hineinzufahren, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Schnorchelnd würde ich mich wohl kaum hineinwagen.
Zu Fuß geht hier schon gleich gar nichts mehr, so daß ich umdrehe. Dabei wird einem deutlich vor Augen geführt, wie fern von allem man hier ist. Die Fußspuren, die man zurückverfolgt, sind immer nur die eigenen. Alles andere wäre auch irgendwie, naja, unheimlich.
Noch viel einsamer und überwältigender ist ein Besuch in der „Piscine“, dem sogenannten Schwimmbecken der Lagune. Ein flacher Bereich zwischen dem Gegenübermotu und Motu Vaiamatu, dem größten Motu der ganzen Lagune.
Um dorthin zu kommen, muß man das Gegenübermotu umrunden.
Wie eigentlich überall auf der Welt darf man sich entlang der Motus am Strand innerhalb der Flutmarken bewegen. Ins Inselinnere darf man nicht.
Das ist privat und es fehlt auch nicht an an die Palmen genagelten Schildern, die daran erinnern, daß diese Motus alle einen Eigentümer haben.
Zu sehen ist aber niemand, abgesehen von Teranis Cousin, der gelegentlich zum Bénitiers-Ernten in die Lagune kommt, haben wir nur ein, zweimal ein Fischerboot gesehen und an vereinzelten Tagen einige wenige andere Touristen.
Wenn man dann um die letzte Ecke gebogen ist, liegt sie vor einem, die Piscine, türkisblau bis zum Horizont, an dem der Motu Vaiamatu den grünen Hintergrund bildet.
Das Areal ist flach mit sandigem Untergrund, hier gibt es nur wenige Korallen, aber die sind gut zu erkennen, solange man selbst keinen Sand aufwirbelt.
Wenn man genug davon hat, im Wasser zu liegen oder herumzuwaten, sind so viele Strände da, an die man sich legen kann. Man ist fast überfordert mit der Auswahl.
All diese Motus, die man umrunden kann, hinter jeder Biegung neue Eindrücke.
Und weit und breit kein Mensch. Und wieder ist man der erste und einzige, der Fußabdrücke im unberührten Sand hinterläßt.
Auch wenn ich es vor zwei Jahren schon an der selben Stelle gepostet habe, weil es einfach so schön ist: Genau so fühlt man sich hier, nur im Gegensatz zum echten Robinson sind wir darüber glücklich.
In den letzten zwei Jahren habe ich oft an diese Lagune denken müssen, und in der Erinnerung erschien sie mir fast unwirklich. Daß niemand außer uns hier ist, keine Scharen anderer Menschen, die picknicken, herumlaufen, schnorcheln, fühlt sich einfach unglaublich luxuriös an.
Ich könnte mich immer wieder stundenlang hier aufhalten, aber irgendwann muß man aufbrechen und auf unser Motu zurückkehren.
Wo der Ehemann an einem Tag plötzlich mit einer Riesenüberraschung auf mich wartet. 🤩