Wir kehren den mystischen Steinen von Stonehenge den Rücken und spazieren gemütlich zurück zum Besucherzentrum. Währenddessen überlegen wir, was wir mit dem Rest des Tages anfangen sollen.
Es ist Sonntag, da ist sicher überall viel los und die beliebten Orte sind wahrscheinlich etwas überlaufen.
Bevor wir uns entscheiden, tauchen wir aber noch in die Ausstellung und das Museum hier in Stonehenge ein. Es ist interessant, mehr über die Theorien über den Bau, die Menschen, die hier lebten und die archäologischen Funde zu erfahren. Zum Abschied kaufe ich mir im Souvenirshop noch einen Kühlschrankmagneten.
Auf dem Weg zum Auto beratschlagen wir noch einmal das nächste Tagesziel. Bath, Bradford-on-Avon, Lacock und auf jeden Fall Castle Combe, hatte ich mir im Vorfeld notiert.
Die Entscheidung ist gefallen … wir fahren wir nach Lacock!
In Lacock auf den Spuren Harry Potters
Am Ortsrand finden wir einen guten Parkplatz, von hier ist es nur ein Katzensprung ins Zentrum. Nach fünf Minuten Fußweg stehen wir auch schon vor den Toren von Lacock Abbey. Der Eintritt kostet 20 Pfund – ich mache dicke Backen - für mein Empfinden etwas viel, aber Männe winkt ab und meint „jetzt sind wir schon hier“.
Wir spazieren zuerst ein wenig durch den gepflegten weitläufigen Park, der die Abtei umgibt.
Lacock Abbey wurde 1232 als Nonnenkloster des Augustinerordens von Ela, der Gräfin von Salisbury, zum Gedenken an ihren Gatten William Longespée, den 3. Graf of Salisbury, gegründet. William war ein unehelicher Sohn von König Heinrich II. und somit ein Halbbruder von König Richard Löwenherz.
Ela selbst trat 1237 in das Kloster ein und wurde kurze Zeit später die erste Äbtissin, ein Amt, das sie zwanzig Jahre lang innehatte. Während des gesamten Mittelalters war die Abtei wirtschaftlich erfolgreich. Das fruchtbare Ackerland, das die Gräfin der Abtei vermacht hatte, sicherte ein beträchtliches Einkommen, vor allem durch Wolle.
1539 wurde Lacock Abbey dann im Rahmen der „Dissolution of the Monasteries“ – wie viele andere englische Klöster – aufgelöst.
Die Dissolution of the Monasteries bezeichnet die systematische Auflösung und Enteignung katholischer Klöster, Abteien und religiöser Stiftungen in England, Wales und Irland, die zwischen 1536 und 1541 auf Befehl von Heinrich VIII. stattfand. Sie war ein tiefgreifender Einschnitt, der die religiöse, soziale und wirtschaftliche Struktur Englands nachhaltig veränderte.
Und das alles begann, weil Heinrich VIII. nach einem Weg suchte, seine Ehe mit Katharina von Aragon annullieren zu lassen. Zum einen, weil sie ihm keinen männlichen Thronfolger gebar, zum anderen, weil er sich in Anne Boleyn verliebt hatte, die sich jedoch weigerte, seine Mätresse zu werden, und auf einer Heirat bestand.
Papst Clemens VII. lehnte Heinrichs Antrag auf Annullierung ab, nicht zuletzt wegen politischer Zwänge, denn Katharinas Neffe war Kaiser Karl V., der Druck machte.
Daraufhin verabschiedete das englische Parlament unter König Heinrich VIII. im Jahre 1534 den Act of Supremacy. Ein entscheidendes Gesetz, das die rechtliche Grundlage für die Englische Reformation bildete und die religiöse Landschaft in England von Grund auf veränderte.
Der Act erklärte König Heinrich VIII. zum „Oberhaupt der Kirche von England“. Damit endete offiziell die Autorität des Papstes über die englische Kirche. Von nun an war die englische Kirche direkt dem König unterstellt. Alle Geistlichen und Staatsbeamten mussten einen Treueid auf Heinrich als Oberhaupt der Kirche leisten. Wer sich weigerte, riskierte Amtsverlust, Gefängnis oder gar den Tod.
Damit war der Weg frei, Heinrich konnte seine Ehe mit Katharina von Aragon annullieren und Anne Boleyn heiraten.
Doch Reformation war nicht nur Glaubenssache – sie war auch eine Frage von Macht und Geld.
Die Dissolution of the Monasteries zwischen 1536 und 1541 war also eine direkte Folge des Act of Supremacy von 1534. Nachdem Heinrich die päpstliche Autorität über die englische Kirche aufgehoben hatte, richtete er sein Augenmerk auf die Klöster, die nicht nur religiöse, sondern auch wirtschaftliche Machtzentren waren. Klöster besaßen beträchtliche Ländereien und Vermögenswerte.
Es begann 1535 mit der Organisation landesweiter Inspektionen der Klöster, die angeblich moralische Verfehlungen, Aberglauben sowie Korruption aufdeckten. Diese Berichte dienten oft auch nur als Vorwand für die Schließung der Einrichtungen.
1536 beschließt das Parlament die Schließung kleinerer Klöster mit einem Jahreseinkommen unter 200 Pfund. Ihr Besitz fiel an die Krone.
Ab 1538 wurden auch große Klöster aufgelöst oder gezwungen, ihre Besitztümer an die Krone abzutreten.
In wirtschaftlicher Hinsicht führte die Enteignung der Klöster zu einer erheblichen Bereicherung des königlichen Haushalts. Die Krone konfiszierte umfangreiche Ländereien und Vermögenswerte, die an Adlige und wohlhabende Bürger verkauft wurden. Dies etablierte eine neue Landbesitzerschicht und stärkte die Loyalität gegenüber der Krone. Die Einnahmen aus den Klosterauflösungen wurden hauptsächlich zur Finanzierung von Kriegen gegen Frankreich und Schottland verwendet.
Sozial gesehen verloren Tausend Mönche und Nonnen ihre Lebensgrundlage. Einige erhielten Pensionen, viele mussten sich jedoch in die Gesellschaft integrieren oder lebten in Armut. Die Klöster boten zuvor Bildung, medizinische Versorgung und Unterstützung für Bedürftige. Mit ihrer Auflösung fielen diese Sozialleistungen weg, was vor allem die arme Bevölkerung traf.
In kultureller Hinsicht führte die Auflösung zur Zerstörung der Klosterbibliotheken und zum Verlust wertvoller Manuskripte und Kunstwerke. Die Klöster waren kulturelle Zentren und ihr Verlust bedeutete einen tiefen Einschnitt in das geistige Leben Englands.
Politisch festigte Heinrich VIII. seine Macht durch die Kontrolle der Kirche und den Erwerb von Klosterbesitz. Der Adel und das aufstrebende Bürgertum profitierten vom Erwerb ehemaliger Klostergüter, was die sozialen und politischen Strukturen Englands nachhaltig veränderte.
Lacock Abbey wurde also 1539 von der Krone beschlagnahmt und kurze Zeit später an Sir William Sharington verkauft. Sharington, ein wohlhabender Kaufmann und Schatzmeister der Münzstätte von Bristol, verwandelte die ehemalige Abtei mit viel Stil in einen repräsentativen Landsitz. Dabei ließ er viele der gotischen Klosterelemente bestehen und integrierte sie kunstvoll in die neue Architektur. So blieben der Kreuzgang, die Sakristei und der Kapitelsaal sowie weitere originale Bauten erhalten, die der Anlage noch heute eine mittelalterliche Atmosphäre verleihen.
Im 18. Jahrhundert gelangte Lacock Abbey in den Besitz der Familie Talbot. Besonders einer ihrer Nachfahren sollte dem Ort zu weltweitem Ruhm verhelfen: William Henry Fox Talbot ein vielseitiger Gelehrter und leidenschaftlicher Tüftler, lebte hier im 19. Jahrhundert und experimentierte in seinem Arbeitszimmer mit Licht, Chemikalien und optischen Geräten. 1835 gelang ihm in Lacock Abbey ein technischer Durchbruch, der die Welt verändern sollte – die erste bekannte fotografische Negativaufnahme. Das Motiv war denkbar schlicht: ein Fenster der Abtei. (Auf dem nächsten Foto sieht man das berühmte Fenster, über der kleinen Tür). Doch dieser unscheinbare Moment markiert den Beginn der Fotografie, wie wir sie heute kennen. Talbots Arbeiten legten den Grundstein für die moderne Bildentwicklung und sein einstiger Wohnsitz wurde zu einer Pilgerstätte für Fotografiebegeisterte aus aller Welt.
Lacock Abbey ist nicht nur historisch bedeutsam, sondern auch ein beliebter Drehort für zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen. Besonders bekannt ist die Abtei als Kulisse für die „Harry-Potter“-Reihe. In „Harry Potter und der Stein der Weisen“ und „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ dienten die Kreuzgänge der Abtei als Korridore von Hogwarts. Auch in „Harry Potter und der Halbblutprinz“ sowie in „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen“ wurden Szenen in Lacock Abbey gedreht.
Neben der magischen Welt von Harry Potter diente Lacock Abbey aber auch als Kulisse für andere bekannte Produktionen. In der BBC-Verfilmung von Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ wurden Innenaufnahmen in der Abtei gemacht. Ebenso fanden Dreharbeiten für „Moll Flanders“ und die Serie „Wolf Hall“ hier statt.
Als wir den Kreuzgang der Abtei betreten kommen wir uns ein bisschen vor, als ob wir durch die Gänge Hogwarts schlendern. Die imposanten Gewölbedecken und die gotische Architektur schaffen eine faszinierende Atmosphäre und wir tauchen ein wenig ein, in die magische Welt von Joan K. Rowling. Vor unserem inneren Auge sehen wir Harry, Ron und Hermine an uns vorbeihuschen. Genau hier schlich Harry unter dem Tarnumhang umher und belauschte Snape und Quirrel oder McGonagall stellte ihn Oliver Wood, dem Kapitän der Quidditch-Mannschaft, vor.
Wir laufen durch die angrenzenden Räume und beobachten eine Familie mit ihren drei Kindern. Die Kinder bzw. Teenager laufen mit leuchtenden Augen und voller Freude von einem Drehort zum nächsten, rufen „Schau mal, Mama, hier war das!“ und spielen die Szenen nach. Ihre Aufregung und Freude ist total ansteckend und zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht.
Durch die Kinder wissen wir nun auch was bei den Dreharbeiten in welchen Räumen passiert ist …
Die Wärmestube, einst der wärmste Raum der Abtei, wurde in
Harry Potter und der Stein des Weisen zu Professor Quirinus Quirrels Klassenraum. Harrys Lehrer für
Verteidigung gegen die dunklen Künste.
Der Kessel hat übrigens nicht mit Harry Potter zu tun, sondern ist tatsächlich ein Artefakt aus dem 16. Jahrhundert, passt aber wunderbar.
Der Kapitelsaal - der Raum, in dem Harry auf seiner nächtlichen Erkundungstour zufällig den Zauberspiegel Nerhegeb entdeckt. Dieser zeigt ihm, was er sich sehnlichst wünscht: seine Eltern an seiner Seite.
Der nächste Raum ist die Sakristei, die als Snapes Zaubertrank-Klassenzimmer diente.